Das Gipfeltreffen von Wladiwostok: die Ohnmacht der Großmächte

Von Andreas Kohlschütter

Henry Kissinger hat die "Herausforderung an unsere Zeit" einst so formuliert: "Wir müssen eine internationale Ordnung errichten, bevor sie uns durch eine Krise als Notwendigkeit aufgezwungen wird." Und an anderer Stelle schrieb er: "Die dringlichste Aufgabe ist es, eine Ordnungsvorstellung zu entwickeln, die allgemeine Zustimmung findet." Aber dem Historiker Kissinger blieb immer auch bewußt, was er kürzlich James Reston von der New York Times in einem Interview gestand: "Geschichte ist eine Überlieferung von vergeblichen Mühen, von unerfüllten Hoffnungen."

Dem amerikanischen Außenminister, der jetzt an der Seite Präsident Fords zum Gipfeltreffen mit Leonid Breschnjew nach Wladiwostok fliegt und anschließend nach Peking zu Konsultationen mit der chinesischen Führung weiterreist, müssen die Ohren klingen. Mehr denn je steht er unter dem staatsmännischen Zwang, zu handeln und Probleme zu lösen. Weniger denn je kann er sich zugleich der Einsicht in die "Unausweichlichkeit des Tragischen" verschließen. Seinem Krisen- und Friedensmanagement fehlt es zusehends an Fortüne.

Zum einen ist das Echo des lärmenden Massenaufstandes in der New Yorker UN-Vollversammlung noch nicht verhallt. Der Jubel für den palästinensischen Guerillaführer Arafat, der zwar von einem Frieden verheißenden Olivenzweig sprach, aber nur eine zum Kampf geladene Pistole vorzeigte, war ja auch eine Demonstration gegen Henry Kissinger. Dessen scharf kalkulierende Orientpolitik der kleinen Schritte ging im Taumel der Mehrheitsstimmung unter, den antiimperialistischer Haß, antiwestliche Frustration und arabische Öl-Großmannssucht angeheizt hatten. Die Aufwertung der palästinensischen Untergrund- und Terroristenorganisation belastet die internationale Bilanz Washingtons und schränkt letztlich den amerikanischen Handlungsspielraum auch gegenüber Moskau ein.

Zum anderen sind die politischen und vor allem die wirtschaftlichen Turbulenzen noch lange nicht ausgestanden, die seit dem Ausbruch der Energiekrise die nicht-kommunistische Welt plagen: kräfteverzehrende Inflationsraten, kollabierende Währungen, unverkraftbare Ölmilliarden, Wohlstandsminderung der Industrienationen und Verelendung jener Entwicklungsländer, die kein Öl besitzen. Diese Vorgänge haben zwar neues Verständnis für unentrinnbare, gegenseitige Abhängigkeiten geweckt. Die Ära der vielseitigen, komplizierten Interdependenz jedoch, die das heroisch-einfache Zeitalter des Kalten Krieges und der weltweiten Zweiteilung ablöst, hat bisher nicht kooperative Energien freigesetzt, sondern vielmehr die Konfrontation gefördert. Mit verzweifelter Dringlichkeit ertönt der Ruf nach globaler Zusammenarbeit. Aber gleichzeitig ziehen sich die Staaten in ihre nationalen und provinziellen Schneckenhäuser zurück und verstärkt sich der Trend zur internationalen Kräftezersplitterung.

Die neue Weltordnung, die Henry Kissinger noch vor kurzem zu bauen hoffte, läßt sich immer weniger an Ecken und Enden fassen. Das in der Theorie aufgebaute Fünfeck der Kräfte hielt dem Druck der Wirklichkeit nicht stand: Europa, uneins wie eh und je, hat wie Japan vor, der arabischen öldrohung kapituliert. Peking steht weiterhin im selbstgewählten weltpolitischen Abseits.