"Schreie und Flüstern" von Ingmar Bergman

Drei Schwestern, drei erbarmungslose, skrupellose Porträts – mit kühler, formaler Strenge eher seziert als inszeniert; Leidenschaften und Ekstasen, qualvolles Sterben, gewagte Situationen, fiebrige Seelenlandschaften in einem Film von einer Schönheit und Vollkommenheit, die bei der Kritik feierliche Andacht oder hilflose Aggression erzeugten. Alle Bergman-Themen scheinen hier zusammengefaßt, wie endgültig formuliert, nur sein Nihilismus ist im Prinzip der Liebe, im kreatürlichen Mit-Leiden einer vierten Frau aufgehoben. Die vier Schauspielerinnen, Sven Nykvists Kamera, die Farben, das Licht, der kunstvolle Aufbau machen "Schreie und Flüstern" zu Bergmans schönstem Film. Wolf Donner

Dreimal Fritz Lang im Fernsehen

Im Zuge der späten Wiedergutmachung an Fritz Lang laufen allein in dieser Woche einer seiner grandiosen Stummfilme in der Mabuse-Tradition ("Spione", West III 27. 11.), ein dunkler, traumatischer Psycho-Thriller aus den vierziger Jahren ("Geheimnis hinter der Tür", ZDF 23.11.) und ein zynischer, realistischer Polizeifilm aus den fünfziger Jahren ("Heißes Eisen", Nord III 22. 11.). Allen gemeinsam ist ein profundes Mißtrauen gegenüber einer scheinbar intakten bürgerlichen Ordnung, hinter der sich Habgier, Korruption und Wahnsinn verbergen. Die beunruhigende Bilderwelt des Fritz Lang korrespondiert präzise mit den Neurosen der siebziger Jahre. Lang, der Prophet des urbanen Terrors, erweist sich als einer der modernsten Regisseure, als Visionär von längst noch nicht ausgestandenen Zivilisationsängsten. Hans C. Blumenberg

"Jeder für sich und Gott gegen alle" von Werner Herzog

Die Geschichte des Kaspar Hauser als die Passion eines Mißhandelten, dessen eigene Logik und spontane Menschlichkeit die affige Biedermeiergesellschaft als roh, inhuman, deformiert bloßstellt. Herzog entgeht nicht ganz der Gefahr, wieder einmal Gebrechen und Skurrilitäten, komische Menschen und Tiere wie Monstrositäten auszustellen, mit Randfiguren oder einer erfundenen Zirkusszene zur Karikatur abzugleiten. Sein Hauser, Bruno S., hat seinerseits 26 Jahre lang ein schreckliches Heimschicksal erlitten. Was an dem Film besticht: die sorgfältige Ausstattung, die von Klaus Wyborny gefilmten irisierenden Traumsequenzen, Herzogs subtile Regie, poetische Einfälle, visionäre Landschaften. Ein Film, der sich im Gegensatz zu Handkes Stück "Kaspar" oder zu Truffauts Film "Der Wolfsjunge" nur in seinen Bildern erschließt Wolf Donner

"Fluchtpunkt Marseille" von Robert Parrish