Frankfurt

Selbst ein so renommierter Fachmann wie Frankfurts alter und Hannovers neuer Baudezernent Hans Adrian mußte seine Meinung ändern. In der Diskussion um den Abriß der von dem holländischen Architekten Mart Stam Ende der zwanziger Jahre gebauten drei Wohnblocks, an der Frankfurter Frankenallee 184 bis 218 gelegen, stimmte Adrian noch vor Jahren als Mitglied im Aufsichtsrat der zuständigen Hellerhof AG für diesen Abriß. Jetzt allerdings war er, wie viele andere namhafte Architekten in Frankfurt, der Meinung, die Blocks müßten erhalten bleiben. Sie seien von historischem Wert und Dokumente eines sozialen Wohnungsbaus, speziell auf die Bedürfnisse von Arbeitern ausgerichtet gewesen. Mit dieser Meinung steht Adrian im Einklang mit den Mietern selbst, aber auch mit der Bauverwaltung der Stadt und der Architektenkammer Hessen. Gleichwohl sprach Direktor Robert Braun von der Hellerhof AG von einem "Schandfleck", bei aller Liebe zu Mart Stam, dem man "sich immer verpflichtet gefühlt" habe. Auch die SPD-Fraktion im Ortsbeirat ist für Abbruch, denn: "Den Bewohnern nutzt kein Museum für Stadtplaner, das zum Bewohnen zu eng geworden ist."

Über, allen Diskussionen schwebt natürlich auch das bis zum Erbrechen strapazierte Wort Nostalgie. Denn in der Tat sind die 36 Wohnungen, je zwei Zimmer mit Küche, Bad und Diele, die zwischen 32 und 34 Quadratmeter messen, recht eng. Dennoch loben alle Mieter und Fachleute den "überaus brauchbaren Grundriß" (so Hans-Reiner Müller-Rämisch, Leiter des Stadtplanungsamtes).

Den Ministern geht es zunächst ums Geld. Wer heute noch unter hundert Mark Miete zahlt, verzeiht einem verstorbenen Mart Stam Hellhörigkeit, hohen Heizmittelverbrauch und das von der Hellerhof AG seit Jahren vernachlässigte Äußere. Braun bestreitet Vorwürfe, seine AG habe zuwenig getan: "Noch vor zwei Jahren haben wir 200 000 Mark in die Häuser gesteckt. Um jedoch sämtliche Schäden zu beheben, müßten wir etwa 1,5 Millionen Mark aufbieten." So viel wie für den Neubau, in dem die gleichen Leute in gut geschnittenen Altenwohnungen untergebracht werden könnten. Im übrigen gebe es in dieser Siedlung 1200 Stam-Wohnungen. Niemand soll jetzt so tun, "als würde das letzte Andenken an Mart Stam vernichtet".

Die Architektin Luise King, die an der Strukturplanung für die Frankfurter Innenstadt mitarbeitet, gehört zu den Gegnern eines Abrisses. "Entscheidend war für die Architekten jener Zeit nicht das Material und eine repräsentative Front", so verteidigt sie eine alte Konzeption, "sondern der Nutzwert für die Bewohner." In den zwanziger Jahren seien ganz ähnliche Mißstände wie heute bekämpft worden: In den Mietshäusern hätten ungesunde, deprimierende Lebensverhältnisse geherrscht, wie wir sie heute bei Unterkünften ausländischer Arbeiter kennen.

Die Stam-Wohnungen, so Luise King, sind überaus "kommunikationsfreundlich". Auch die Ladenecken der Siedlung sind als Versorgungs- und Orientierungspunkte angelegt. Und letztlich komme es eben darauf an, "wie gut oder schlecht man 35 Quadratmeter organisieren kann".

Im Frankfurter Römer steht die Entscheidung über den Abriß noch aus. Sie ist nicht leicht. Es geht schlicht um die Entscheidung zwischen gewachsener Wohnqualität und architektonischer Neuerung, von der zunächst immer Besorgnis ausgeht. Gerade in Frankfurt gibt es im Bereich von Bauen und Wohnen gebrannte Kinder.

Lothar Vetter