Lyrik ist nicht tot. Dort, wo es an Meinungsfreiheit fehlt, hat das dichterische Wort seine Wirkung behalten. Und dort, wo man Gefühle kaufen kann, breitet sich innere Leere aus, und die Sehnsucht nach neuer Selbstfindung nimmt zu. Ein deutliches Indiz in dieser Richtung: Auch die Schnulzengeneration wird wieder textbewußter.

Worte – milliardenfach abgewetzt in einer Sintflut von Druckerschwärze! Sind sie überhaupt noch künstlerischen Ausdrucks fähig? Musische Sensibilität kann Worte zu neuem Leben erwecken; denn Sprache, der Werkstoff des Lyrikers, ist wandelbar und dynamisch. Aus ihr formt er sein Gebilde, und die Elemente seiner Weltsicht geben dem Gebilde die Prägung. Viele, vor allem junge Menschen, sind nach wie vor auf der Suche nach jenem "letzten Gehöft von Gefühl" (Rilke), viele schreiben sich wie eh’ und je die Seele aus dem Leib, auf der Suche nach der eigenen Identität. Solange der Mensch in den Kategorien der Sprache denkt, braucht jede Epoche die Lyrik als Spiegel zur Reflexion ihres Innenlebens. Nur wenn dieses Innenleben aufhört zu existieren, kann man auf die künstlerische Ausdrucksform der Lyrik verzichten. Dann aber – um mit Ingeborg Bachmann zu sprechen – "fall ab, Herz, vom Baum der Zeit".

Rupert Czinczoll, 20 Jahre

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Ich finde, daß moderne Lyrik noch aktuell ist. Sie bringt aktuelle Themen, sie will den Leser zum Nachdenken anregen. Moderne Lyrik ist heutzutage überall zu finden, in Illustrierten, Protestsongs, Theateraufführungen, Büchern und Helga Dube, 14 Jahre Zeitungen.

Sollten wir versucht sein, von Lyrik jene Aktualität und jene Anziehungskraft zu verlangen, wie sie etwa von den wöchentlichen Fußballereignissen und den jeweils jüngsten Modewellen auf große Teile der Bevölkerung ausgeht, so kann die Antwort wohl nur lauten: Nein, eine solche Aktualität besitzt sie sicher nicht. Die Verkaufsziffern von Lyrikbänden innerhalb der Verlagsprogramme und der quantitative Anteil von Gedichtinterpretationen bei Abituraufsätzen an Gymnasien sprechen dabei für sich und seien hier nur beispielhaft angeführt.

Bleibt aber die Frage, ob eine solche Aktualität in unseren Tagen mit den Grundwerten und Zielvorstellungen des Lyrischen in all seinen Möglichkeiten überhaupt vereinbar wäre. Denn widersprechen nicht all seine Grundlagen: die Forderung nach Sensibilität und Offenheit, die Notwendigkeit von Objektivierung eigenen Denkens und Fühlens, die Voraussetzung einer durchlebten, durchlittenen Erfahrung von Ich, von Umwelt, von Du, von Bezug in einer absoluten und somit radikalen Weise der Oberflächlichkeit und Willenslosigkeit, kurz: der Bürgerlichkeit der breiten Masse?