In unseren Theatern gibt es lautlose interne Konflikte. Die Dramaturgen holen allmählich einen Gorkij nach dem anderen hervor. Aber die meisten Regisseure verhunzen, ratlos und stilistisch unsicher, ein Stück nach dem andern derart, daß der Schein entsteht, die Initiative der Dramaturgen sei sinnlos. Man braucht ein Beispiel, vielleicht ein Vorbild. Da ist das Gastspiel hochwillkommen, das zur Zeit in der Bundesrepublik zu sehen ist – bei uns die erste UdSSR-Theatertruppe seit 50 Jahren. Das Leningrader "Große Akademische Maxim-Gorkij-Theater" spielt Gorkijs erstes Stück, die 1901, ein Jahr vor dem "Nachtasyl", entstandenen "Kleinbürger".

Schauplatz ist ein Haus in einer kleinen russischen Provinzstadt, und das Stück kulminiert in einem Generationskonflikt. Am deutlichsten werden die beiden Generationen vertreten durch den Hausherrn Bessemenow, den 58jährigen wohlhabenden Vorsteher der Anstreicher-Zunft, und durch Nil, einen 27jährigen Zugmaschinisten, Pflegekind in Bessemenows Haus. Bessemenow ist konservativ, neigt, vor allem was Respekt und Familienhierarchie betrifft, zu Klischees und zum Poltern, an der Grenze bösartiger Monomanie. Nil wird, 16 Jahre vor der Oktoberrevolution, vom Autor als mustergültig hingestellt: ein Idealfall der Simplizität, Geradlinigkeit, der vitalen Lebensfreude, die mit Optimismus nicht unbedingt identisch ist. Die Frage, wer der wirkliche Hausherr, auf Grund tieferer Berechtigung, ist, wird von Gorkij mit dem konventionelle Besitzvorstellungen angreifenden Satz beantwortet: "Hausherr ist, wer was schafft." Das ist, geschrieben in der Zarenzeit, ein sehr kühner, künftige gesellschaftliche Verhältnisse nicht vorausahnender, sondern im voraus mitbestimmender Satz. Es wäre völlig falsch zu vermuten, Gorkij treibe nur ein politisches Versteckspiel hinter künstlerischen Symbolen. Schon dieser Satz aus den "Kleinbürgern" zeigt seine faire Kampfbereitschaft: "Es ist in Rußland leichter, ein Säufer und Landstreicher als ein nüchterner, ehrlicher und tüchtiger Mensch zu sein." Solschenizyn, ein Koloß an Gesinnung, hat jüngst (in GULAG II) Gorkij, einen Koloß an Kunst, moralisch madig zu machen versucht. Die Beweisstücke reichen nicht aus, und Gorkijs Werke sind auch in dieser Hinsicht ein Gegenbeweis, nicht zuletzt eben dies: die "Kleinbürger".

Georgij Towstonogow, künstlerischer Leiter des Gorkij-Theaters und Inszenator des Abends, startet zu den "Kleinbürgern" nicht von einer musealmeiningerischen Position aus. Er ist der Auffassung, daß sich im Laufe der Zeit die Ausdrucksformen spießiger Muffigkeit und Beschränktheit verändert haben, nicht ihr Wesen. Will er damit einen Spiegel (auch) der Gesellschaft vorhalten, in der er selber lebt? Sicherlich.

Towstonogow ist ein Inszenator von sprühendexakter Lebendigkeit. Er hat ein Ensemble von lauter herrlichen Schauspielern zusammengeschmiedet. Er verfälscht Gorkijs Text nirgends, entwickelt ihn aber auf der Szene weiter, phantasievoll und dramaturgisch genau, ohne Gags und ästhetisierende Floskeln. Ein Beispiel: Nil klatscht einmal der Lehrerin Tatjana, die ihn liebt, im Vorbeigehen auf die Backe, ein wenig geringschätzig. Es folgt eine längere stumme (bei Gorkij selbst in den szenischen Anmerkungen nicht vorhandene) Szene, in der gezeigt wird, daß das altjüngferliche Mädchen in einen Taumel, eine innere Raserei gerät. Das ist psychologisch konsequent, ein analytisches Regie-Verfahren erster Kategorie.

Was ist das heute, sozialistischer Realismus? Antwort nach dem schönen Erlebnis des Abends: Kein Nachäffen mehr der Oberflächenrealität. Towstonogow, der sich an Stanislawskij, dem überragenden Lehrmeister der Schauspielkunst unseres Jahrhunderts, orientiert, macht seine Schauspieler nicht zu Affen, läßt sie keine Mimikry betreiben. Die gedankliche Konzentration des Schauspielers ist wichtiger als Schminke und Maskenbildnerei. Nicht die totale Verwandlung im Sinne des Eskamotierens der darstellenden Person ist anzustreben. Der Darsteller und die dargestellte Person werden in ein dialektisches Verhältnis gebracht, und beide werden zusammen auf der Bühne vorgezeigt.

Jede Szene lebt. Und Komik, ein fast hinterlistiger Humor, bricht, dank der Genialität Towstonogows, ein in die Bezirke, die sonst, fast mit Leichenbittermiene, sozialistischer Realismus genannt werden. René Drömmert