Dieses Buch bezeugt einen einzigen Kampf gegen Mauern und Ketten. Die Autobiographie von Hiltgunt Zassenhaus über die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 liest niemand ohne Anteilnahme: Die älteren Leser werden sich erinnern, an eigenes Tun und Lassen; die jüngeren werden sich vielleicht wie ich fragen: wie war das möglich? Hiltgunt Zassenhaus gehörte zum "verborgenen Deutschland" des Widerstands, das klein war im Vergleich zum Nazi-Deutschland und doch viel größer als die Nazis ahnten –

Hiltgunt Zassenhaus: "Ein Baum blüht im November – Bericht aus den Jahren des Zweiten Weltkrieges"; Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 1974; 293 S., 24,– DM

Hiltgunt Zassenhaus war siebzehn, als Hitler an die Macht kam, ein junges Mädchen aus gutbürgerlichem Hamburger Haus. Der Vater, Direktor einer höheren Mädchenschule, verlor bald seine Stellung, weil er im Sinne Albert Schweitzers versuchte, seinen Schülern Ehrfurcht vor dem Leben nahezubringen. Am Tage der "Machtergreifung" sagt er im Familienkreis: "Von jetzt an ist unser Haus wie eine Festung, in der wir genauso leben und denken wie zuvor." Die Geborgenheit in einer humanen Familie muß man kennen, um das heftige Nein einer Siebzehnjährigen zu verstehen: In ihrer Klasse war sie die einzige, die den Hitlergruß öffentlich verweigerte. War dies noch Trotz, ja kindliche Bockigkeit, so wurde aus diesem ersten Nein mit den Jahren und zunehmender Erfahrung bewußter, durch keine Bedrohung zu brechender Widerstand.

Nach Abschluß ihres Studiums der skandinavischen Sprachen 1938 bekam sie mit dem Diplom auch das "Siegel" der Hansestadt Hamburg, mit dem sie offiziell und auf Lebenszeit als Dolmetscherin am Hamburgischen Gericht zugelassen war. 1942 wurde sie mit der Oberwachung der skandinavischen Gefangenenpost aus dem Zuchthaus Fuhlsbüttel beauftragt. Noch konnte sie wenig mehr für die Gefangenen tun, als sorgen, daß keiner von ihnen spurlos aus der Welt geschafft wurde: "Vom ersten Tag an führte ich eine Kartei, trug Namen und Heimatanschrift eines jeden Gefangenen ein und fügte noch jede Information aus der ein- und ausgehenden Post hinzu, die mir von Bedeutung erschien... Nach einem Jahr hatte ich über tausend Namen in meiner Kartei."

Als 1943 die politischen Gefangenen den Kriminellen rechtlich gleichgestellt wurden, lernte sie "ihre" Gefangenen persönlich kennen. Mit der Überwachung der Gespräche zwischen den Inhaftierten und den wenigen Besuchern beauftragt, wurde sie zu einer Art Schutzengel. Mit dem norwegischen Seemannspfarrer Svendsen versorgte sie die Gefangenen mit Vitamintabletten und Medikamenten, die heimlich aus Schweden kamen. Als die Gefangenen später auf zwanzig Zuchthäuser im Reich verteilt wurden, folgte Schläge? "Noch einmal und ich knall dir eine!" sie ihnen gegen alle Widerstände.

Stets reiste sie mit schwerem Gepäck, mit Brot und Medikamenten in allen Taschen – "offiziell" hatte sie, wegen angeblicher Verlustangst" um ihre persönlichen Sachen, immer ihre ganze Habe dabei. Es war eine ununterbrochene, lebensgefährliche Reise der Hilfe und Nächstenliebe, und doch fand sie in jenen Jahren noch die Kraft und Zeit, ein Medizinstudium zu beginnen. Hiltgunt Zassenhaus, heute Fachärztin für Innere Medizin in Baltimore, USA, verwirklicht, was sie sich in jenen Schreckensjahren für die Zeit nach dem Kriege vorgenommen hat: weiter dem Leben zu dienen. Monika Sperr