Ist es der Zug der Zeit? In Frankreich wird neuerdings die Nationalhymne, die Marseillaise, nicht mehr so wild und schnell und grell, sondern ganz anders gespielt. Das geschah auf Wunsch eines einzelnen Herrn zuerst am elften des Elften, einem Datum, das in Köln etwas Närrisches, aber in Paris etwas Sieghaftes hat. Dort verfrühter Auftakt zum Karneval, hier Erinnerung an den Waffenstillstand vom Jahre 1918.

Die Marseillaise müßte ja eigentlich die "Straßburgische" heißen, da sie doch in Straßburg zum Gebrauch der Truppen der Großen Revolution gedichtet und komponiert worden ist. Von Soldaten aus Marseille, die am Rhein kämpften, wurde sie bloß zuerst gesungen.

Allons enfants de la Patrie! Die vielgestaltige Melodie mit den schönen Merkmalen von genialem Dilettantentum fährt hierher und dorthin, setzt immer neu und verblüffend mit kühnen Wendungen an, hat rein gar nichts von stiller Größe und edler Einfalt und ist, wenn sie mit gewohntem Schwung und Tempo gesungen wird, so herrlich, wie ihr Text grauslich ist.

Gegen 1830, als Berlioz die Hymne neu instrumentierte, hat er die Harmonien dem Text ein bißchen angepaßt: "Hört Ihr sie brüllen in den Feldern: die wilden Soldaten?" Dies Gebrüll unterstreicht Berlioz mit unheimlichem Akzent: Stiergebrüll. "Schon kommen sie heran, um unsere Söhne, unsere Gefährtinnen zu erwürgen." Unsereiner würde sagen: Die Österreicher – denn um diese ging es vornehmlich – waren nie zwecks Erwürgung hinter den französischen Frauen her, und blutkrank waren sie auch nicht. Und doch schließt die erste Strophe der Nationalhymne: "Unreines Blut soll unsere Furchen tränken!"

Giscard d’Estaing, dessen Wahlkampf ein einziges Versprechen tiefgreifender Reformen war, hat denn auch eine neue oder erneuerte Fassung der Nationalhymne gewünscht, und der Kapellmeister der "Garde Nationale" hat sie hergestellt, wobei er, wie es heißt, auf das Original der Notenschrift zurückging. Seither klingt die Hymne im Radio, wo wir sie hörten, etwas biedermeierlich. Ihr Ton ist eher beruhigend. Und das will heißen: La France, die noch de Gaulle sich als eine schöne Frau vorstellte, hetzt nicht mehr zum Kampfe. Sie ist etwas ehrpusselig geworden und singt ihren Kindern das "Marchons, marchons" vor, als ließe es: "Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein." Das klingt viel anständiger, viel kultivierter.

Es wird wohl so schlimm denn auch nicht sein, daß die Hymne jetzt viel langsamer gesungen wird. Es herrschen ja auch verminderte Geschwindigkeiten auf den Straßen, Und daß die Fußballkämpfe gegen französische Mannschaften nächstens immer etwas später anfangen, daran wird man sich wohl auch noch gewöhnen können.

Nur eines begreife ich nicht: Giscard d’Estaing ist ein guter Musiker, und es heißt von ihm, er wäre womöglich Pianist geworden, hätte sein Vater nicht rechtzeitig den Flügel abgeschlossen. Wie konnte er es bei dieser Vergangenheit dulden, daß der Reiniger, der Besänftiger des berühmten Kampfliedes, schon gleich beim finalartigen Anfang eine kleine Terz ein- oder wieder einführte? Bei der zweiten Note, der zweiten Silbe des Wortes "Allons", bleibt die Melodie nicht auf demselben Tone wie bisher, sondern hüpft erst mal rasch nach unten. Hat Robert Schumann, der die Marseillaise mindestens zweimal zitierte, etwa so gehandelt? Und sollte dem Pianisten Giscard nicht Schumann wichtiger sein als der Pionierhauptmann Claude-Joseph Rouget de Lisle, einst stationiert in Straßburg?