Von Hans-Werner Bartsch

Zionismus ist für Antizionisten ein fest umrissener Begriff, ob es sich um Araber handelt oder um die europäische Linke. Der Zionismus ist für sie eine Ideologie des Kolonialismus oder Imperialismus, den der jüdische Staat in Palästina und darüber hinaus ausübt. Die von der israelischen Rechten erhobene Forderung nach einem "Größeren Israel", das vom Suezkanal bis zum Euphrat reichen soll, erscheint nur als die logische zionistische Konsequenz der bis zum Yom Kippur 1973 verfolgten offiziellen israelischen Politik, und Äußerungen wie die des früheren Botschafters Ben Horin, Israel wolle den Arabern "eine Lektion erteilen", die sie endlich lernen müßten, bestätigten nur diese Auffassung.

Jedoch ist nicht nur von jüdischen Nicht-Zionisten wie Uri Avnery eben dieses tatsächlich kolonialistische Verhältnis der Juden zu den Arabern in Frage gestellt worden; seine Konzeption, die zunächst eine Föderation zwischen einem jüdischen und einem palästinensischen Staat vorsieht und auf einen binationalen Staat zielt, ist keineswegs so nicht-zionistisch, wie Avnery meint, weil er sich nur mit der zionistischen Konzeption konfrontiert sieht, die die gegenwärtige Politik des jüdischen Staates bestimmt. Daß es auch ganz andere Zionismen gegeben hat, von denen eine in Avnery’s Partei "Ha’olam Hazeh" weiterlebt, ist nur – zum Schaden des Judentums und auch des Staates Israel – in Vergessenheit geraten. Es entspricht darum einer Notwendigkeit, die Kenntnisse über den Zionismus durch eine Sammlung der unterschiedlichen bis gegensätzlichen Dokumente zu erweitern, wie sie Hans Julius Schoeps als Ergebnis von Seminaren an der Gesamthochschule Duisburg vorlegt:

"Zionismus"; Texte von Kalischer/Pinsker/Herzl / Nordau /Buber/Rathenau/Borochow/Weizmann/Jabotinsky u. a.; Herausgeber: Hans Julius Schoeps; ntw 16, Nymphenburger Verlagshandlung, München 1973; 306 S., Paperback, 22,– DM.

Gegen eine Verurteilung des Zionismus in Bausch und Bogen richtet sich die einleitende Darstellung der Geschichte des Zionismus; denn "die Grenzen eines durchaus legitim zu begründenden Antizionismus können sich leicht zugunsten eines ideologisch ausgerichteten Antisemitismus verschieben". Gezeigt wird an Hand von 34 Aufsätzen ausschließlich jüdischer Autoren, daß der Zionismus als Bewegung für die "nationale Wiedergeburt" des jüdischen Volkes viele Gesichter hat, zu denen auch das von Uri Avnery’s Partei gehört, zu dessen Konzeption sich der Herausgeber ausdrücklich bekennt.

Den Gegensatz der Methoden für die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina nennt 1929 Juda Leon Magnes, ehemaliger Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem: "Das eine (System) behauptet, daß wir hier eine Jüdische Heimstätte durch Unterdrückung der politischen Bestrebungen der Araber und demnach also eine notwendigerweise für eine lange Periode auf Bajonetten begründete Heimstätte errichten können – ein System, das meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilt ist wegen der dadurch gegen uns aufgepeitschten Leidenschaft der Gewalt Das andere System glaubt, daß wir hier eine Heimstätte nur errichten können, wenn wir als Demokraten und Internationalisten uns selbst treu sind, uns gerecht und hilfreich zu anderen zeigen und Sicherheit für Leben und Eigentum fordern, während wir zugleich eifrig und mit Vernunft und Aufrichtigkeit daran gehen, einen modus vivendi et operandi mit unseren Nachbarn zu finden ... wenn wir auf politischem und allen anderen Gebieten jeden erdenklichen Versuch machen, mit dieser erwachenden arabischen Welt Hand in Hand zu arbeiten als Lehrer, Helfer und Freunde."

Dieser von Martin Buber philosophisch begründete Zionismus wird fälschlich "Kulturzionismus" genannt, weil er das Schwergewicht auf die Mission Israels, nicht wie alle Völker zu sein, legt. Bei ihm ist am deutlichsten der Zionismus als Reaktion auf die Assimilation zu erkennen, die die Identität des Juden untergehen lassen wollte – und doch nur dem Antisemitismus Auftrieb gab. Man kann die Beiträge getrost hinzurechnen, die religiös den Zionismus als "die Fortsetzung des Messianismus" erklären (M. J. Berdichewski) und gegen die nur nationale Konzeption stellen.