Von Ulrich Gregor

Vittorio de Sica hat als Regisseur und vor allem als Schauspieler ein umfangreiches filmisches Oeuvre hinterlassen. Aber obgleich seine Schauspielerkarriere bereits 1928 begann und sich de Sica schon vor 1940 als Hauptdarsteller musikalischer Komödien in Italien außerordentlicher Popularität erfreute, kann man sein eigentlich bedeutendes Werk eingrenzen auf die Zeit zwischen 1943 und 1952; es beginnt mit "I bambini ci guardano" ("Kinder sehen uns an") und endet mit "Umberto D.", falls man nicht auch noch "Il tetto" ("Das Dach", 1956) mit einbeziehen will.

"Kinder sehen uns an" (1943) gehörte zu jenen Filmen, die, noch vor 1945 produziert, den Neorealismus der Nachkriegszeit vorwegnahmen und einen neuen Ton in das damals vorherrschende Evasionskino der "Weißen Telephone" und des Kalligraphismus brachten: die mit emotionaler Anteilnahme erzählte Geschichte eines kleinen Jungen, der das Opfer einer scheiternden Ehe wird und den seine Eltern schließlich in ein alptraumhaft wirkendes Waisenhaus abschieben. Dies war auch der erste Film, den de Sica in Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Cesare Zavattini drehte, mit dem er lange Jahre zusammenarbeiten sollte; das "Tandem" de Sica/Zavattini wurde in der Geschichte des italienischen Nachkriegsfilms zu einem festen Begriff.

Die Erfahrung des Krieges, des faschistischen Terrors und der Widerstandsbewegung wurde für alle italienischen Filmemacher zu einem grundlegenden Erlebnis. "Diese Erfahrung war entscheidend für uns alle", sagte de Sica später, in einem Interview. "Jeder spürte das übermächtige Bedürfnis, die alten Strukturen des italienischen Kinos in die Luft zu sprengen, die Kamera mitten im realen Leben aufzupflanzen, mitten in all dem, was unsere entsetzten Augen frappierte. Wir versuchten uns vom Gewicht unserer Fehler zu befreien, wir wollten uns selber ins Gesicht sehen, uns die Wahrheit sagen, entdecken, was wir wirklich waren, und nach einer Rettung suchen."

Die Frucht solcher Erfahrungen waren Filme wie "Sciuscia" (1946) und "Ladri di biciclette" ("Fahrraddiebe", 1948) – Werke, die in Europa und der Welt Aufsehen erregten, die zusammen mit Rossellinis und Viscontis Filmen den "Neorealismus" als oft beschriebenes und nie exakt definiertes Genre etablierten und die für eine ganze Nachkriegsgeneration zu einem Erlebnis wurden, in dem sich die umfassende Wahrheit einer gesellschaftlichen Situation, zugleich aber auch das kritische Engagement gegenüber dieser Wirklichkeit aussprach. Das Geschehen dieser Filme wurde aus anonymen Vorgängen abgeleitet; die Regisseure verzichteten weitgehend auf Studios (die ohnehin zerstört waren), arbeiteten in realen Dekors und mit Darstellern, die aus dem Leben gegriffen waren.

"Sciuscia" war die Chronik aus dem Leben zweier Schuhputzerjungen, die wegen illegaler Geschäfte in ein Jugendgefängnis eingeliefert werden und von dort wieder ausbrechen, "Fahrraddiebe" der Bericht von einem Arbeitslosen, der endlich einen Job als Plakatkleber findet, wobei ihm aber das Fahrrad gestohlen wird, sein wichtigstes Arbeitswerkzeug; der Film beschreibt seine Odyssee quer durch Rom auf der Suche nach dem Fahrrad, das er nie findet. Diesen Filmen gelang es ebenso wie denen Rossellinis ("Rom, offene Stadt" und "Paisa") oder Viscontis "La terra trema" ("Die Erde bebt", 1948), im durchschnittlichen Schicksal, in der einzelnen, scheinbar nur dokumentarisch eingefangenen Begebenheit gleichnishaft die Situation der Allgemeinheit zum Ausdruck zu bringen – ein Ziel, das auch die politisch engagierten Filmemacher der Gegenwart ansteuern, aber nur selten erreichen.

Dabei gingen diese Filme in ihrem künstlerischen Resultat ebenso auf Zavattinis Begabung zurück, scheinbar anonyme Fakten aufzuspüren und sie in die Struktur der filmischen Erzählung hineinzustellen, wie auf de Sicas meisterliche Handhabung des Details als Bestandteil der filmischen Inszenierung und auf seinen sensiblen Umgang mit den Darstellern. "Fahrraddiebe" fand im Ausland womöglich noch größere Resonanz als in Italien selbst – auch in der Bundesrepublik, wo der Film 1951 herauskam, wurde er von Publikum und Kritik als überragendes filmisches Ereignis verstanden. "Sciuscia", obwohl früher produziert, kam bei uns erst 1952 zur Aufführung.