Von Helmut Schneider

Der k.u.k.-Artillerieoffizier Laszlo Moholy-Nagy, 1917 in Rußland verwundet, begann während der Rekonvaleszenz zu zeichnen. "Die Zeichnungen", so erinnerte er sich später, "wurden zu einem rhythmisch artikulierten Netzwerk von Linien, das nicht so sehr die Gegenstände zeigte, als die Erregung, die sie in mir hervorriefen." Wieder in Budapest, führte er 1918 sein Jurastudium zu Ende, gleichzeitig aber suchte und fand er Kontakt zur künstlerischen Avantgarde: Er schwankte, ob er eine durch seine Ausbildung vorgezeichnete Laufbahn einschlagen oder ob er Künstler werden sollte.

Moholy-Nagy zögerte nicht vor dem Sprung in das Künstlerleben zurück, aber er hatte Zweifel an der gesellschaftlichen Nützlichkeit einer solchen Existenz: "Ist es richtig", fragte er sich in seinem Tagebuch (1919), "in den Zeiten einer sozialen Umwälzung Maler zu werden?" Er hat sich nach einiger Überlegung doch für die Kunst entschieden, von vornherein jedoch unter der Voraussetzung, daß dies eine von der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bestimmte Kunst sein müsse, orientiert an der Wirklichkeit, die er durch die Technologie geprägt sah, und gerichtet auf die Befriedigung des "Glücks" der Menschen, das aus der richtigen Anwendung von Technologie durch die Kunst hervorgehen würde.

"Die persönliche Befriedigung, Kunst zu schaffen, hat zum Glück der Massen nichts beigetragen" – aus dieser Einsicht hat Moholy-Nagy Konsequenzen gezogen: "Nicht das Objekt, der Mensch ist das Ziel." Kunst ist also nur dann sinnvoll, wenn sie dem Menschen hilft, seine Situation zu erkennen in einer Gesellschaft, die durch ihre Produktionsverhältnisse bestimmt ist – in der Welt, in der Moholy-Nagy lebte, waren es die kapitalistischen – und ihn damit in die Lage versetzt, sie zu verändern. Kunst allein, das hat er nach anfänglichen romantisch-revolutionären Träumen später ganz klar gesehen, kann die sozialen Verhältnisse nicht verändern. Doch kann sie, indem sie die von der Technik produzierten Materialien auch für sich in Anspruch nimmt, sich auch der technisch-mechanischen Medien bedient, immerhin versuchen, die in den Materialien und Medien vorhandenen Möglichkeiten kreativ auszuwerten. Und so gründete Moholy-Nagys Entwurf einer neuen Gesellschaft in einem emanzipatorischen Verständnis der Technik; das in der kapitalistischen Produktion unerwünschte schöpferische Potential der Apparate sichtbar zu machen, war ein erster realer Schritt zur Verwirklichung dieser Utopie. Moholy-Nagy ist 1946 in Chicago gestorben. Die erste europäische Retrospektive seines Werkes, gezeigt im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, vermittelt in konzentrierter Form einen Überblick über das vorurteilsfreie, wenn auch nicht illusionslose Schaffen eines Künstlers in der modernen Massengesellschaft.

Moholy-Nagy hielt wenig vom schöpferischen Erstgeburtsrecht, vom künstlerischen Copyright – er eignete sich an, was ihm brauchbar erschien, aber er schmückte sich nicht mit fremden Federn. "Antenne und Sendestation zugleich", wie Gropius von ihm sagte, funktionierte er das Entlehnte um; bereits Existierendes hatte seine Aufgabe erfüllt, es wurde zum Rohmaterial für neue Gestaltung. Ständig Neues zu gestalten, erschien Moholy-Nagy auf Grund seiner anthropologisch fundierten Fortschrittsidee notwendig zu sein: "Gestaltungen sind nur dann wertvoll, wenn sie neue, bisher unbekannte Relationen produzieren." Bloße Wiederholung betrachtete er "im besten Fall nur als virtuose Angelegenheit".

Folgenreicher waren allerdings seine Überlegungen, die darauf abzielten, "die bisher nur für Reproduktionszwecke angewandten Apparate (Mittel) zu produktiven Zwecken zu erweitern Er ging davon aus, daß die Mechanisierung keineswegs den schöpferischen Umgang mit Apparaten verhinderte, daß vielleicht gerade die Produktion mittels reproduktiver Apparate das Entstehen einer zeitgemäßen Kunst begünstigte, die den modernen Kommunikationsmedien analog war, einer Kunst allerdings, die im herkömmlichen Sinne keine mehr war: "In einem industriellen Zeitalter ist die Unterscheidung zwischen Kunst und Nichtkunst, zwischen manueller Handwerklichkeit und mechanischer Technisierung nicht länger eine absolute."

Diese neue Kunst konnte man im Photolabor herstellen – das Ergebnis waren "Photogramme" und "Photoplastiken", man konnte sie, unter Angabe der für die Bilderherstellung notwendigen Daten, über Telephon "bestellen" – den Rest besorgte die Schilderfabrik. Vor allem aber gab es "kunstfremde" Materialien, synthetische, die nach Belieben verformbar waren, und andere, die, industriell hergestellt, nur maschinell zu bearbeiten waren.