M. M., Tokio, im November

Wie immer man die Japanvisite des amerikanischen Präsidenten Ford betrachtet – sie bleibt kontrovers. Der Zeitpunkt ist fragwürdig; ein Sicherheitskordon wird den Besucher praktisch von der japanischen Öffentlichkeit isolieren; im übrigen trifft er auf einen japanischen Ministerpräsidenten, über dem sich die Wolken des Skandals immer dichter zusammenballen.

Die amerikanische Diplomatie mißt dem Besuch zwar große symbolische Bedeutung bei: Zum erstenmal scheint der Zauber gebrochen, der Japanreisen früherer amerikanischer Präsidenten noch stets verhindert hat. Freilich kommt Ford in einem Augenblick, da ihn manche seiner Gastgeber sehr dringlich danach fragen werden, ob es stimmt, daß die Vereinigten Staaten heimlich Kernwaffen in ihre japanischen Stützpunkte gebracht haben. Und die in abertausend Gruppen und Grüppchen zersplitterte Linke hat den Ford-Besuch zur willkommenen Gelegenheit genommen, die Reihen dichter zu schließen und im Protest gegen den Gast aus Washington zu längst verlorener Einheit zurückzufinden. Hinzu kommt, daß auch Fords Abstecher in die südkoreanische Hauptstadt Seoul unter Japanern, die das Regime von General Park als diktatorisch empfinden, viel böses Blut gemacht hat.

Der japanische Premierminister Tanaka tritt dem amerikanischen Präsidenten in einem Augenblick gegenüber, da seine eigene Machtstellung ziemlich angeschlagen ist. Ein Korruptionsskandal, über den in letzter Zeit fast täglich neue Einzelheiten ans Licht kamen, könnte zum Sturz des Premiers führen, sobald der amerikanische Präsident das Land wieder verlassen hat. Gegen Tanaka wird eine Reihe von schlimmen Vorwürfen erhoben: Er habe fiktive Firmen gegründet, um riesige Summen in seinen Wahlkampffonds umzulegen; er sei der Börsenmanipulationen und der Landspekulation schuldig; er habe Steuerhinterziehung begangen; schließlich habe er, als er schon Regierungschef war, seinen Hauptfinanziers durch höchst fragwürdige Maßnahmen große Profite zugeschanzt.

Vor der Ankunft des amerikanischen Präsidenten hatten jene Kräfte, die auf Tanakas Absetzung hinarbeiten, eine zeitweilige Feuereinstellung vereinbart. Der Ministerpräsident nutzte die unerwartete Atempause ohne Zögern, um seine Stellung zu befestigen, indem er sein Kabinett wie die Führungsposten seiner Partei weithin neu besetzte. Indessen steht kaum zu erwarten, daß dies Manöver dauerhafte Wirkung zeitigt. Die Umbesetzungen gingen nicht weit genug, um das Versprechen des Premiers glaubhaft zu machen, daß er die herrschende liberal-demokratische Partei mit neuem Leben erfüllen wolle und daß er der ernsthaften Probleme Japans – eine empfindliche Rezession gekoppelt mit galoppierender Inflation – Herr zu werden vermöge. Seine Kritiker interpretieren das Revirement lediglich als Verstärkung des Kabinetts durch Leute seines Vertrauens, auf die sich Tanaka auch in härteren politischen Zeiten verlassen kann.

Vor einer Pressekonferenz beteuerte Tanaka, er habe keinerlei Unrecht getan. Dem Parlament liegen jedoch schon Einzelheiten aus einer Untersuchung vor, welche die Steuerbehörden gegen Tanaka angestrengt hatten, und die bereits zu Nachzahlungen und Strafzahlungen geführt haben. Zwar sträubt sich die Regierung noch immer dagegen Tanakas Steuerunterlagen zu veröffentlichen. Allerdings mußte sich jetzt der Regierungschef zu einer außerordentlichen Sitzung des Parlaments verstehen, die Anfang Dezember stattfinden soll. Tanaka hat versprochen, bei dieser Gelegenheit alles offenzulegen und das Urteil der Nation zu akzeptieren. Dies bedeutet, daß er zum Rücktritt bereit ist, falls die Öffentlichkeit seinen Unschuldsbeteuerungen keinen Glauben schenken sollte. Vor der Sondersitzung des Reichstages soll sich noch eine Parteikonferenz der Liberal-Demokraten mit den Vorwürfen gegen Tanaka befassen. Es mangelt nicht an Leuten, die sich um seine Nachfolge bewerben, doch gibt es im Augenblick niemanden, um den sich sämtliche Kritiker und Gegner des Premierministers scharen könnten.

Der amerikanische Präsident hat sein Möglichstes getan, um nicht in den Bannkreis des Skandals zu geraten. Ganz bewußt balancierte er seine Gipfelgespräche mit Tanaka durch andere Begegnungen mit einer Heerschar von Regierungs- und Oppositionspolitikern aus. Dies freilich, brachte ihn von vornherein in die Gefahr, sich zähen Fragen darüber aussetzen zu müssen, wie es denn wirklich um das heimliche Einschmuggeln amerikanischer Kernwaffen nach Japan stehe. Die Nuklearfrage gab auch den Kristallisationskern für die von der Linken organisierte Massendemonstration vor. Die japanischen Sicherheitsorgane sahen diesen Demonstrationen mit großer Sorge entgegen. Benzinbombenangriffe gegen die Botschaften der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, ausgeführt von kleinen Stoßtrupps fanatischer Marxisten, schienen ihre schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. 160 000 Polizisten wurden in Tokio aufgeboten, von denen sich 25 000 ständig im Einsatz befanden. Hundert Bewaffnete wurden als Leibwache des Präsidenten abkommandiert.

Die Hoffnung der Amerikaner, der Präsident werde sich an Straßenecken unter das Volk mischen, oder als Ehrengast an einem Baseballspiel teilnehmen können, wurden von den überempfindlichen Japaner rasch zunichte gemacht. Ihnen sitzt noch immer der Schreck über den Terror in den Knochen, den linke Bombenleger in letzter Zeit verbreitet hatten. So erklärt sich, daß die gewöhnlichen Japaner Ford nur auf dem Fernsehschirm zu sehen bekamen. Sogar das Pressegefolge wurde stark vermindert. Die wenigen Journalisten, die den Präsidentenbesuch aus der Nähe verfolgen durften, mußten sich ständiger und scharfer Sicherheitskontrollen unterwerfen.