Von Rolf Michaelis

Noch lachen wir! Doch könnte uns das Lachen rasch vergehen. Kopfscheue Beamte und Funktionärsgremien maßen sich die Rolle von Kunstrichtern an und klappern mit der Schere der Zensur. Krisenzeichen mehren sich. Die versuchten oder vollzogenen Eingriffe von Geldgebern, Bei- oder Verwaltungsräten bedrohen die im Grundgesetz garantierte Freiheit der Kunst. Das kulturelle Klima schlägt um. Auch für die Künste scheint das Ende einer liberalen Phase nahe. Wer nicht schon gegen samtpfötige Versuche der Beschränkung kultureller Freiheit protestiert, darf sich nicht wundern, wenn die Künstler der Bundesrepublik demnächst von denen an die Kandare genommen werden, denen – kritische Kunst ein Schrecken ist, denen die ganze Richtung nicht paßt.

Was ist geschehen?

  • Am Morgen nach der für die Partei des Franz Josef Strauß erfolgreichen Wahl legten Beamte der Deutschen Botschaft in London den (deutschen) Veranstaltern der Ausstellung "Art into Society – Society, into Art: Seven German Artists", die während des "Deutschen Monats" im "Institute of Contemporary Arts" gezeigt wird, nahe, die satirischen Plakate von Klaus Staeck zu entfernen, auf denen Strauß zu sehen ist. Diesem Ansinnen bürokratischer Gratisangst widerstanden die sieben Künstler, unter ihnen Joseph Beuys.
  • Über den Kopf des zuständigen und verantwortlichen Intendanten hinweg kündigte der Oberbürgermeister von Memmingen einem Dramaturgen vom Schwäbischen Landestheater, der Nestroys Posse mit Gesang aus dem Revolutionsjahr 1848 "Freiheit in Krähwinkel" inszeniert hat. Begründet wird die Entlassung, natürlich, mit "Gründen personeller Straffung". Der Herr Oberbürgermeister, SPD-Mitglied, scheint aber durch den Spielplan des Ensembles und insbesondere durch die kritischen Anspielungen eines Stücks verschnupft zu sein, an dessen Ende Nestroy den Oberbürgermeister von Krähwinkel aus dem Land jagen läßt. Wie sonst wäre zu verstehen, daß das ganze Ensemble samt Intendant aus Solidarität mit dem geschaßten Regisseur gekündigt hat? Mit seinem Kommentar erweist sich der Memminger OB seines Vorbildes in Krähwinkel würdig, ja ebenbürtig: Auf sein von Künstlern verlassenes Schwäbisches Landestheater blickend, stellte der OB ("Oberältester" nennt ihn Nestroy) beruhigt fest: "Jetzt ist das Theater gerettet." Auch Nestroys Kommentare, dem Stück zu entnehmen, klingen nicht schlecht: "Ich bin vom Amt, und wir lieben das nicht, daß der Mensch frei ist." Oder: "Ein Zensor ist ein menschgewordener Bleistift oder ein bleistiftgewordener Mensch, ein Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lagert und den darin schwimmenden Literaten die Köpf’ abbeißt. Die Zensur ist das lebendige Geständnis der Großen, daß sie nur verdummte Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können."
  • Für einen Schwabenstreich sind auch die Ministerialen im Theaterbei- und Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater Stuttgart gut. Weil das Staatsschauspiel im Programmheft zu Wedekinds Kindertragödie "Frühlings Erwachen" Auszüge aus Sexfibeln und Sexualkundebüchern druckt, in denen mit der heute üblichen Offenheit davon die Rede ist, worunter Wedekinds Kinder leiden, woran sie sterben, "empfiehlt" das Aufsichtsgremium, nach Ausverkauf der ersten Auflage des Programmbuchs, ein anderes Begleitheft zusammenzustellen. Was solch eine "Empfehlung" bedeutet, läßt sich am Verhalten des Intendanten ablesen: Obwohl das Programmbuch seit der Premiere vor anderthalb Monaten ohne Beanstandung verkauft worden ist, stellt sich der Intendant nicht vor seine angegriffene Mannschaft, sondern stimmt den Räten zu, die das Programmbuch "einseitig und unausgewogen" schelten. Danach droht die gesamte Führungsmannschaft, Schauspieldirektor Peymann, Oberspielleiter Kirchner und die Dramaturgen Beil, Jensen, Sturm mit dem Rücktritt. Wie in Memmingen: die Krise erscheint als satirische Verlängerung des Theaterstücks in die Wirklichkeit. Denn das mit Kontaktadressen für ratsuchende Jugendliche und mit erschreckenden statistischen Angaben (jugendliche Selbstmörder in Baden-Württemberg und Stuttgart 1973: 86) ausgestattete Heft enthält nichts, was Schüler nicht an jedem Kiosk kaufen könnten. Den Kommentar zu diesem grotesken Kreuzzug entrüsteter Erwachsener hat auch hier der Autor schon im Stück gegeben, als er einen Schüler auf die Wutausbrüche der Lehrer gelassen antworten läßt: "Ich habe nicht mehr und nicht weniger geschrieben, als was eine Ihnen sehr wohlbekannte Tatsache ist!" Muß man solche Fälle kleinmütiger Besserwisserei im bürokratischen Getriebe nicht im Zusammenhang sehen mit Vorkommnissen in der sogenannten freien Wirtschaft, etwa wenn der Leiter des als liberal geltenden Suhrkamp Verlages, nach Einspruch der Schweizer Finanziers seines Hauses, seiner Züricher Filiale die Annahme eines Manuskriptes über "Die Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung" untersagt obwohl er, wie Max Frisch geschrieben hat, "das fragliche Manuskript" gar nicht "hat kennen können"?

Dies sind nicht nur Einzelfälle. Sie signalisieren eine Phase der Verzagtheit, die sich auf kulturellem Gebiet als Leisetreterei äußert. In solcher Atmosphäre der Ängstlichkeit kann Kunst nicht leben.

Rolf Michaelis