"Berliner Tagebuch", von Arnold Schönberg. Arnold Schönberg, der nichts wegwarf, ist für Historiker eine Herausforderung (und manchmal ein Grund zur Verzweiflung). Was immer man aus dem immensen Nachlaß publizieren mag, die Ausgrabung lohnt. Das Tagebuch, das Schönberg 1912, während seiner zweiten Berliner Zeit, mit der für ihn charakteristischen Beharrlichkeit führte und dann plötzlich abbrach, enthält neben Notizen über Pläne und Verhandlungen, Werke und Aufführungen eine Reihe psychologischer Reflexionen, die sich Stück für Stück zu einem Selbstporträt zusammenfügen: Schönberg wird in seiner Generosität und in seinem Mißtrauen (das aus verletzter Generosität stammte), in dem Zwang zu bohrender Konsequenz und in dem untergründig zwiespältigen Verhältnis zu seinen Schülern sichtbar. Das Tagebuch wird zu einem – vom Verlag gut ausgestatteten – Band ergänzt durch Schönbergs Erläuterungen zum Text seiner Oper "Von heute auf morgen" (einer opera buffa in Zwölftontechnik) und durch ein Hommage à Schönberg von Josef Rufer, Schönbergs langjährigem Assistenten, dem die Entdeckung des Tagebuchs zu verdanken ist. Rufer verbindet den Ausdruck einer Verehrung, die so selbstverständlich ist, daß sie sich sachlich berichtend zu geben vermag, mit Hinweisen auf wenig beachtete oder unbekannte Werke und Fragmente aus dem Nachlaß. (Propyläen Verlag, Berlin, 1974; 96 S., 25,– DM.) Carl Dahlhaus

"Sämtliche Werke" von Platon. Platons poetisch überhöhte philosophische Prosa im Pocketformat haben wir nun gleich in zwei parallelen Packen parat: Viele Jahre schon ist die (preisgünstigere) Paperback-Präsentation des Rowohlt-Verlages auf dem Markt; jetzt tritt ihr die "Jubiläumsausgabe anläßlich des 2400. Geburtstages" aus dem Artemis Verlag an die Seite. Die Vorzüge der neuen Edition sind rasch hergezählt: Die acht Bände mit ihren 1356 Seiten sind eine bindetechnisch billigere Zusammenfassung der bereits länger vorliegenden einzelnen Buchausgaben des Verlages; gegenüber dem Schleiermacher-Deutsch aus der Postkutschenzeit, wie es Rowohlt bietet, ist die Übertragung: von Rudolf Rufener frischer, farbiger, gleichermaßen der Sprache des Originals wie auch dem Idiom der Gegenwart näher; zusätzliches Gewicht gewinnt die Ausgabe durch die umfangreichen sachkundigen Einleitungen von Olof Gigon, einem der wichtigsten Kenner der antiken Philosophie. Er steuert als Abschlußband ein "Begriffslexikon" bei (Band 8, 304 Seiten), das dem im Vorjahr erschienenen gleichgerichteten Unternehmen von H. Perls bei der Interpretation der 100 wichtigsten platonischen Begriffe unter anderem die striktere Einbeziehung der Chronologie der platonischen Schriften voraus hat. Wer den wahren "Vater des Abendlandes" zu stets gegenwärtigem geistigem Umgang nahe haben möchte, findet in dieser auch äußerlich ansprechenden Kassette ein gut zugänglich gemachtes Gebäude großer Gedanken und kühner Visionen, wie es bis in die Neuzeit seinesgleichen nicht hat. (Paperback-Jubiläumsausgabe; Artemis Verlag, Zürich, 1974; 8 Bände in Kassette, 1356 S., 168,– DM.) Bernhard Kytzler

"Kopflicht", Erzählungen von Ernst Nowak. Die acht kurzen Erzählungen, die der Wiener Ernst Nowak, Jahrgang 1944, in seinem ersten Buch veröffentlicht, setzen stilles, konzentriertes Lesen voraus. Nur zögernd und behutsam will sich in ihnen ein Hintergrund, ein Zusammenhang, eine Geschichte einstellen. Oft grübelt man dem Geschehen, das angedeutet wird, hinterher, ohne es fassen zu können. Reine Ich-Erzählungen sind nur zwei Texte (in anderen Fällen wird eine zweite Person angeredet, eine dritte berichtet in indirekter Rede, oder ein Monolog wird durch eine Frage provoziert). Inhaltsangaben sind bei Nowaks Geschichten kaum möglich, selbst detailbesessenes Erzählen bleibt ungewiß. So muß auch der Wunsch nach eindeutiger Erkenntnis, vorgeführt in der Titelgeschichte, scheitern: Jemand läßt sich einen abgeschlossenen Holzkasten zimmern, in den er Lampen einbaut, um ihn dann über seinen Kopf zu stülpen, welcher dadurch einer intensiven Lichtbestrahlung ausgesetzt wird. "Ich habe nichts erreicht. Der Tischler hat mir dieses Gehäuse für mein Kopflicht nutzlos angefertigt. In mir sind immer noch diese ziellosen Gedanken und Vorstellungen, immer noch dieses Dickicht und diese Wucherungen." Die bohrende Wucht seines Landsmanns Thomas Bernhard, an dessen frühe Prosa "Kopflicht" streckenweise erinnert, erreicht Nowak nicht. Imagination, Traum, ja Märchenton bestimmen die Szene. (Residenz Verlag, Salzburg, 1974; 95 S., 9,80 DM.) Volker Hage