Berlin: "Kunst der mexikanischen Revolution"

Schade, daß die Veranstalter (die Neue Gesellschaft für bildende Kunst) so kurzsichtig am Thema vorbeigeschielt haben. Der Untertitel der Ausstellung, "Legende und Wirklichkeit", besagt es, der Katalog belegt es: Es geht nicht um die Kunst der Revolution (die Daten, die über die Geschichte der Wandmalerei und die großen Muralisten Rivera, Siqueiros, Orozco und ihre Kollegen informieren, folgen erst auf ein paar Schlußseiten), sondern um politische Besserwisserei. "Das mexikanische Volk wird die heutige gemeinsame Diktatur von nationaler Bourgeoisie und Imperialismus überwinden müssen, um endlich seine Freiheit und Unabhängigkeit zu erringen", in diesem Ratschlag kulminiert das einleitende Referat, und so geht es weiter. Mit so markigen Ratschlägen vom Berliner Lande ist allerdings weder dem mexikanischen Volk gedient noch der Kunst und schon gar nicht einem Verständnis dieses Landes und seiner Kultur. Die Ausstellung, in der neben großformatig reproduzierten Wandmalereien vor allem Druckgraphik zu sehen ist, breitet ein Material aus, das in diesem Umfang hierzulande noch nicht zu sehen war. Um so bedauerlicher die Kurzsichtigkeit des Kommentars. (Schloß Charlottenburg bis Ende Dezember) Petra Kipphoff

München: "Auktion Ketterer – 19. und 20. Jahrhundert"

Das teuerste Objekt unter den fast 2000 Katalognummern (Schätzpreis 550 000 Mark) ist eine um 1920 entstandene Landschaft von Edvard Munch. Der deutsche Expressionismus wird vorwiegend mit Graphik und Zeichnungen angeboten, Bilder sind schwer zu beschaffen. Ein großes und typisches Schmidt-Rottluff-Gemälde, "Freundinnen" von 1914, kommt aus japanischem Privatbesitz und soll 160 000 Mark bringen. Beckmann ist mit einer frühen Landschaft vertreten: "Hermsdorfer Wald am grauen Tag" von 1908 (55 000 Mark). Drei späte Dix-Landschaften liegen zwischen 35 000 und 60 000 Mark, eine schöne Christophorus-Zeichnung ist auf 12 000 Mark geschätzt. Zu den neuen Marktfavoriten zählt Alfred Kubin, von dem nicht weniger als 40 Arbeiten versteigert werden. Neben der noch immer dominierenden klassischen Moderne gewinnt die jüngere amerikanische Produktion an Attraktivität. Von Rauschenberg, Jasper Johns und Stella werden größere Graphik-Konvolute angeboten. Wesselmann ist mit mehreren Fassungen seiner "Great American Nude" (zwischen 30 000 und 75 000 Mark), Warhol mit vielen Campbell’s Soup, Twombly mit einer farbigen Zeichnung (für 30 000 Mark) und Christo mit einer Verpackungs-Collage (für 7500 Mark) vertreten. (Versteigerung vom 25. bis 27. November, Galerie Wolfgang Ketterer, Katalog 20,– DM)

Gottfried Sello

München: "Palermo-Zeichnungen 1963–73"

Das Oeuvreverzeichnis der freien Zeichnungen (ohne die Entwurfszeichnungen) umfaßt knapp einhundertundvierzig Nummern; vierundfünfzig sind ausgestellt. Das bedeutet nicht, daß Palermo, wenn auch unregelmäßig und in Schüben, wenig zeichnet – er hat nur immer wieder den ihn nicht befriedigenden Teil seiner zeichnerischen Produktion vernichtet. Inhalt, Darstellung sind für ihn im allgemeinen irrelevante Kategorien, man wird bei ihm auf die Mittel der Gestaltung verwiesen: Ist also eine Zeichnung von Palermo "gut", wenn die lineare Komposition, die Unterteilung der Papierfläche durch Linienzüge, ästhetisch gelungen ist, wenn Linien und Farben sich ergänzen, wenn Farbe als Spur erscheint oder als Materie? Das ist schwer zu entscheiden, jede Vermutung ließe sich mit Beispielen belegen. Palermo – Jahrgang 1943, Meisterschüler von Beuys – gehört zu den Künstlern, die mit Zeichnungen spontan auf Emotionen reagieren, seine Blätter sind "privat", rechnen nicht mit dem Betrachter, dem dann gelegentlich auch vielleicht höchst Sensibles als belanglos erscheint. (Kunstraum, bis zum 21. Dezember; Katalog 29,– DM) Helmut Schneider