Die Gewerkschaften lassen sich nicht durch Tarifverträge in die Pflicht nehmen

Ein Briefträger fängt jeden Morgen um sechs mit der Arbeit an, er hat im ganzen Jahr keinen freien Samstag – für ein Gehalt von 1486 Francs einschließlich aller Zulagen. Ist da die Forderung nach 1700 Francs zu hoch? Nach fast vier Wochen Streik präsentierten die Postbeamten des fünften Pariser Arrondissements ihren Kunden diese Frage. Trotz ausbleibender Briefe und geschlossener Schalter fanden sie einiges, Verständnis beim Bürger. Denn was mancher französische Staatsdiener am Monatsende kassiert, reicht kaum zum Leben.

Niedrigstgehälter zahlt nicht nur die Post, aber eine Ausnahme bilden die Postler trotzdem: Sie wissen, was sie mit ihrem Streik erreichen wollen. Das ist in vielen Branchen, in denen die Arbeit niedergelegt wurde, keineswegs der Fall. Die gesamte Beamtenschaft wurde vergangene. Woche zum Ausstand aufgefordert. Einziges deklariertes Ziel: Solidarität mit den Kollegen von der Post. Und die generalstreikähnliche Aktion vom vergangenen Dienstag wurde durch eine konkrete Forderung begründet.

Nur mit einem Kopfschütteln wird in den Pariser Gewerkschaftszentralen zur Kenntnis genommen, nach welch geordneten Spielregeln in der Bundesrepublik Arbeitskämpfe ablaufen. Für die französischen Gewerkschafter sind Tarifverhandlungen, Schlichtung oder Urabstimmung nach wie vor Fremdwörter. Häufig wird jenseits des Rheins zuerst der Streik ausgerufen und dann die Forderung präsentiert. Für Verhandlungen mit den Tarifpartnern lassen sich die Streikenden ohnehin Zeit.

Das gilt besonders für den öffentlichen Sektor. Hier sind Streiks beliebt, weil die Arbeitsplätze von Beamten und öffentlichen Angestellten auch in schlechten Zeiten kaum gefährdet sind. Seit einer Entscheidung des obersten französischen Verwaltungsgerichts im Jahre 1950 ist das Streikrecht auch den Staatsdienern offiziell verbürgt. Daß die Belegschaft der Pariser Ministerien davon Gebrauch macht, um ihre Solidarität zu den Postlern zu bekunden, ist dabei nichts Außergewöhnliches.

Immerhin müssen Arbeitsniederlegungen im öffentlichen Bereich fünf Tage vorher angekündigt werden. Doch seit in den heißen Tagen des Mai 1968 diese Vorschrift einfach übersehen wurde, halten sich die Gewerkschaften nur noch in Ausnahmefällen daran.

Im Prinzip kann die Regierung das streikende Personal auch zwangsverpflichten und bei Arbeitsverweigerurg vor den Richter zitieren. Doch niemand denkt im Ernst an diese Möglichkeit. Zu gut erinnert man sich an den Versuch Charles de Gaulles, den Bergarbeiterstreik von 1963 auf diesem Wege zu entschärfen. Die Aktion des Generals endete mit einem Fiasko: Die geschlossene Weigerung der Kumpels, vor Ort zurückzukehren, weitete den Streik zur Krise aus.