Da steht einer, er kann nicht anders und gibt zu Papier (oder er vertraut dem Mikrophon an): Seine Niederlage, so formuliert der junge Sportler, sei einzig und allein durch mangelnde Motivation zu erklären. Oder aber, falls er gesiegt hat: Er sei richtig motiviert gewesen.

Kleider machen Leute, vielleicht. Modewörter machen Intellektuelle oder solche, die es sein möchten. Ein junges Wort leidet, das Wort Motivation. Wanderte es über die Pädagogik in die Alltagssprache ein? Wer: produzierte diesen pseudowissenschaftlichen Exportartikel für den Jargon? Die Ahnenforscher modischer Begriffe dürfen zur Untersuchung schreiten.

Frei nach Goethe: Die Leiden der junges Wörter! So nennt Hans Weigel, der Wiener Schriftsteller, ein Buch, in dem er frühzeitig verschlissenes Vokabular untersucht. Die Krankengeschichte eines jungen Wortes wäre am ehesten im Sport zu begutachten. Die Münchener Bayern, so hieß es nach der Fußball-Weltmeisterschaft, seien nicht mehr motiviert; schließlich hätten sie alles – oder fast alles – gewonnen, was an Titeln und Geld auf dem Markt war. Als die Schwimmer bei den Europameisterschaften in Wien die Rekorde dutzendweise vom Sockel stießen, empfand der zuständige Fachmann im Bundesleistungsausschuß dies als vorzügliche Motivationshilfe für Montreal, wo 1976 die nächsten Olympischen Spiele stattfinden. Als die Leichtathleten in Rom nur zu bescheidenen Erfolgen kamen, wurde hie und da unterentwickelte Motivation unterstellt.

Ein Reizwort der Leistungsgesellschaft erlebt zur Zeit seine Inflation. In einem solchen Fall empfiehlt es sich, eine Antwort von der Wissenschaft zu erbitten. Der Liebhaber abgesicherter Weisheiten greift wohlgemut zu einem renommierten Lexikon der Pädagogik, und er findet dort: Furcht-M., Leistungs-M., Macht-M., Gesellschafts-M., Sexual-M., Hunger-M., Aggressions-M. "Großes M" steht für Motivation. Da kehrt der angelernte Motivationsforscher lieber schnell wieder zum Sport zurück.

Dort findet er genügend Rohmaterial. Er kann zu ergründen versuchen, warum Gerd Müller nicht mehr in der Nationalelf spielen will. Er kann auch die Redensarten des Sports untersuchen. Wieso heißt es, Sport sei Mord? Diese Meinung wird gern übersetzt: Sport – mit all seinen Anforderungen – sei Masochismus, behaupten Kritiker. Karl Adam, der erfolgreiche Rudertrainer, beantwortet die Frage geradlinig: "Was haben Sie eigentlich gegen Masochismus?"

Masochismus ist eine besondere Form des Lustgewinns. Ob Sportler ihre Lust an der Leistung mit dem inflationären Gebrauch des Wortes Motivation steigern können, daran sei gezweifelt.

Manfred Lehnen