Die Streikwelle in Italien bedroht nun auch die Arbeit des Euratomforschungszentrums in Ispra.

Nationale Streiktage in Italien sind nicht nur eine Angelegenheit der Italiener; auch europäische Beamte, die in Italien arbeiten, mußten dort schmerzhafte Erfahrungen sammeln. Unter den Augen der untätig zusehenden Polizei wurden vor kurzem ein deutscher und ein englischer Wissenschaftler verprügelt, die für die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) in Ispra am Lago Maggiore forschen.

Sie waren so unvorsichtig, die vom Hilfspersonal des Forschungszentrums errichtete Streiksperre am Haupteingang zu ignorieren. Die meisten anderen Atomforscher schleichen sich immer, wenn ihr italienisches Hilfspersonal zu Demonstrationen aufgerufen wird, durch die Hintertür an ihre Arbeitsplätze. Sogar ausländische Besucherdelegationen, die sich über die Arbeit in der mit 1700 Beschäftigten größten Forschungsanlage der Euratom informieren wollen, werden dann durch das Pförtchen gelockt.

Mit dem nationalen Streiktag hatten die Euratomforscher umso weniger zu tun, als es sich um einen Generalstreik in der italienischen Industrie handelte, um eine Erhöhung der automatischen Lohnangleichung durchzusetzen. EG-Beamte werden aber von Brüssel bezahlt.

Uninteressiert an den inneritalienischen Streitigkeiten ziehen es die Wissenschaftler mangels konkreter Anweisungen der Direktion immer häufiger vor, zu Hause zu bleiben. Die technische Sicherheit des Atomzentrums sei jedoch gewährleistet, wurde in Ispra versichert.

Angesichts dieser Störungen – allein innerhalb der zehn ersten Novembertage gingen drei Arbeitstage durch Streiks verloren – wurden bei den Euratom-Bediensteten Zweifel wach, ob in ihrem Forschungszentrum eine konzentrierte und kontinuierliche Arbeit noch möglich sei. Hinter dieser Frage steht nicht zuletzt die Sorge um ihre Existenz. Denn die gemeinschaftlichen Forschungsanlagen waren seit jeher ein Zankapfel der Europäer.

Am 5. Februar des vergangenen Jahres hatten die EG-Forschungsminister für die Anlagen Ispra, Petten (Holland), Geel (Belgien) und Karlsruhe erst nach monatelangen Querelen 732 Millionen Mark bewilligt und damit die Zukunft der gemeinsamen Atomforschung vorerst für vier Jahre gesichert. Pläne der Franzosen, Engländer und Holländer, von 2000 Euratomforschern die Hälfte zu entlassen, wurden damals nur unter dem Druck der öffentlichen Meinung fallengelassen. fg