Die DDR-Wirtschaft wächst erstmals schneller als die der Bundesrepublik

Von Joachim Nawrocki

Den Propagandisten der SED, die im kürzlich begonnenen Parteilehrjahr ihre Genossen im ideologischen Kampf unterweisen sollen, hat die wirtschaftliche Situation der westlichen Welt ein neues Argument beschert. "Während der Sozialismus gesellschaftliche Entwicklungsprobleme im Interesse der arbeitenden Menschen löst, ist im Kapitalismus nur eines sicher – die Unsicherheit", erklären die Lehrer der Partei. Die Prognosen, daß es in der Bundesrepublik im Winter eine Million Arbeitslose geben werde, sind für die DDR-Zeitungen derzeit der große Knüller; denn Arbeitslose gibt es in der DDR nicht.

Tag für Tag werden die Werktätigen der DDR von ihren Zeitungen über steigende Preise und sinkende Reallöhne, über Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, Streiks und Pleiten, Armut der Arbeiter und Rekordprofite des Großkapitals im Westen informiert. Sie selbst haben anscheinend keine andere Sorge als die, wie sie denn nun weiter in ihren Betrieben die Produktivität erhöhen können. Kaum sind die Wettbewerbe zu Ehren des 25. Jahrestages der DDR beendet, beginnen neue Wettbewerbe, zum 30. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus am 8. Mai 1945.

Die DDR-Führung hält sich auf die wirtschaftlichen und sozialen Leistungen ihres Staates viel zugute, und nicht nur sie. Auch die Bürger ihres Staates, vor allem die Jüngeren sind stolz auf das Erreichte. Stolz oder Selbstbewußtsein: Das bedeutet nicht Zufriedenheit. Sie murren und meckern, über Pannen bei der Produktion, über unsinnige Anordnungen der Planbürokraten, über das fehlende Briefpapier im Kaufhaus. Aber die meisten, die da meckern, die tun es doch in dem Bewußtsein, was alles geschafft worden ist in 25 Jahren DDR. Sie wissen, was sie in harter Arbeit aus den Hinterlassenschaften des Krieges aufgebaut haben.

"Ja, wir haben was draus gemacht", hieß es kürzlich in einer Serie der "Berliner Zeitung". "Die volkseigenen Betriebe heute – das bedeutet mehr als die achtfache Industrieproduktion des Gründungsjahres der DDR. Die sozialistische Landwirtschaft heute – das heißt, ein Genossenschaftsbauer erzeugt ebensoviel wie fünf Werktätige in der Landwirtschaft von 1949. In der sozialistischen Industrie beträgt heute der Arbeitsaufwand für 1000 Mark Produktion weniger als 19 Stunden; damals waren es 116 Stunden."

Diese Zahlen können im Grundsatz nicht bezweifelt werden, wenn auch die Statistiken der DDR oft merkwürdige Lücken, Undefinierte Begriffe und rechnerische Widersprüche aufweisen. Aber ob das, was erreicht wurde, so mühsam erarbeitet werden mußte, mit so viel Reibungsverlusten, mit so vielen Fehlentscheidungen und so viel Schlendrian – das ist eine andere Frage. Das Hin und Her mit den Planungssystemen, mit Zentralisierung und Dezentralisierung der Entscheidungen, mit Schwerpunktinvestitionen mal hier, mal dort: All das behinderte eine kontinuierliche Entwicklung.