Wenn der Berliner Senat nicht hilft, dann droht Deutschlands bestem und berühmtestem Theater das Ende durch Konkurs: Die Schaubühne am Halleschen Ufer wird dieses Jahr 1974 mit einem Defizit von rund anderthalb Millionen Mark beenden.

Das ist ein trauriger Vorgang – tröstlich daran ist einstweilen nur, daß der Berliner Kultursenator Werner Stein entschlossen scheint, dem Theater auch aus dieser Misere zu helfen – trotz des Protests der übrigen Berliner Privattheater und trotz des bald beginnenden Berliner Wahlkampfs, den die CDU offenbar auch mit dem Thema Schaubühne bestreiten will. Der Abgeordnete Hubert Rösler, Mitglied im Ausschuß für die Privattheater, eröffnete am Freitag das Feuer: Die Schaubühne habe in unverantwortlicher Weise öffentliche Mittel verschwendet, jedes andere Privattheater müsse in einer ähnlichen Situation schließen.

Das ist wohl wahr. Aber engstirnig ist es auch: denn Röslers Theaterbeschimpfung übersieht, daß die Schaubühne mit den anderen Privattheatern überhaupt nicht zu vergleichen ist – weil ihre theatralischen Unternehmungen notwendigerweise riskanter (also auch: wirtschaftlich schwerer kalkulierbar) sein müssen als die der anderen, vorwiegend kommerziell und kompromißlerisch agierenden Bühnen. Sinnvoller wäre schon ein anderer Vergleich. Überlegt man, was die Schaubühne Berlin kostet (derzeit etwa fünf Millionen Mark im Jahr) und was sie dafür der Stadt an Prestige und dem Theater an Entdeckungen eingebracht hat, und denkt man daran, wie wenig viel größere Bühnen aus viel höheren Zuschüssen gemacht haben, hält man also Nutzen und Kosten nebeneinander, muß man zugeben: Die Schaubühne war bisher für Berlin ein besonders billiges Theater.

Damit soll das wohl reichlich dilettantische Management der Schaubühne, soll der sorglose Umgang mit Geldern nicht verharmlost werden. Zumal das Debakel (verursacht von den viel zu aufwendigen Produktionen dieses Jahres, dem gigantomanischen "Antikenprojekt" vor allem) nicht nur finanzpolitische, sondern auch ästhetische Konsequenzen hat – weil Ausstattungswollust und Perfektionswahn auch dieses Theater nur teurer, nicht reicher machen. Aber wahr ist auch: Die Schaubühne hat sich durch ihre Arbeit in den letzten vier Jahren mehr Recht erworben, Fehler zu machen, Irrtümer zu riskieren als jede andere deutsche Bühne. Auch deshalb, weil nur ein Teil dieser Fehler auf subjektiven Schwächen beruht – weil diese Bühne auch gegen nahezu unüberwindliche objektive Schwierigkeiten zu kämpfen hat: gegen die Begrenzungen eines Theaterbaus, der nicht als Theater gebaut wurde (sondern als Vortragssaal für die Arbeiterwohlfahrt), dem es also an den primitivsten technischen und räumlichen Voraussetzungen fehlt. Probebühnen, Werkstätten, Dramaturgie: all das ist bei der Schaubühne kilometerweit voneinander entfernt – was das Produzieren von Theater komplizierter, anstrengender und teurer macht als bei besser ausgestatteten Bühnen.

Die Schaubühne, so ist zu hoffen und zu erwarten, wird gerettet werden. Es geht bei diesem Rettungsversuch, das ist allen nachdenklichen Beteiligten klar, um das einzige deutsche Ensemble, das nicht bloß Theater, sondern Theatergeschichte macht. Benjamin Henrichs