Die Zeit drängt. Deutschlands einziger Hersteller von Kernkraftwerken, die Kraftwerk Union AG (KWU), ist auf eiliger Suche nach einem neuen Konzept. Denn einer der beiden Inhaber, AEG-Telefunken, hat seine 50-Prozent-Beteiligung an dem noch verlustreichen Unternehmen so überstürzt öffentlich zur Disposition gestellt, daß die KWU selbst ins Gerede kam (siehe DIE ZEIT Nr. 47). Zwar ist der andere, Siemens, grundsätzlich bereit, auch diesen Part zu übernehmen. Doch das "Wie" ist noch völlig offen.

So hat KWU-Chef Kurt Barthelt augenblicklich nur einen Wunsch: "Es muß so schnell wie möglich Ruhe eintreten und ein stabiler Zustand hergestellt werden." Denn die großen Konkurrenten aus Amerika haben offenbar bei Projektverhandlungen mit potentiellen Kunden schon auf angebliche Schwierigkeiten der KWU verwiesen. Gerade in diesen Tagen soll der US-Konzern Westinghouse in Teheran versucht haben, die KWU mit solchen "Argumenten" auszustechen. Barthelt bestätigt das nicht, seufzt aber: "Der Nuklearmarkt ist weltweit hart umkämpft. Wir haben es mit wenigen Lieferanten, wenigen Kunden und wenigen Projekten zu tun. Leider halten sich nicht alle Anbieter an die Regeln der Fairneß."

Den Ausweg aus der Misere hat der KWU-Chef schon gefunden. Er deutet an, daß ein "stabiler Zustand" bei seinem Unternehmen nur dann rasch herzustellen ist, wenn die Siemens AG wirklich alle KWU-Anteile von der AEG übernimmt und sich mit ihrem ganzen Renommee für die KWU stark macht. Über die Hereinnahme weiterer Partner könne dann später gesprochen werden.

Voraussetzung für eine rasche Bereinigung der Beteiligungsverhältnisse ist, daß sich Siemens und AEG möglichst bald über den Kaufpreis einigen. Man weiß, daß die AEG den "Substanzwert" der KWU auf annähernd eine Milliarde Mark veranschlagt, so daß ihr Anteil eine halbe Milliarde Mark wert wäre. Andererseits kommen auf die AEG aus den sechs Aufträgen für Siedewasser-Reaktoren des störanfälligen "Würgassen-Typs", die noch in den Büchern stehen, weitere erhebliche Risiken zu, die das bisherige Würgassen-Verlustkonto von über 200 Millionen Mark noch merklich aufstocken könnten. Offenbar möchte nun AEG den Wert der Anteile und die drohenden Verluste gegeneinander aufrechnen. So wie es heute steht, würden der KWU auch künftig aus diesen Alt-Aufträgen keine Verluste erwachsen, da sie im Namen und für Rechnung der AEG ausgeführt werden.

Insgesamt hat die KWU – drittgrößter Kernkraftwerks-Bauer der Welt – gegenwärtig 17 Aufträge aus dem In- und Ausland im Wert von 12,5 Milliarden Mark in ihren Büchern. Die Aufträge für die Anlage Grafenrheinfeld II und das BASF-Kernkraftwerk Ludwigshafen sind ihr zusätzlich sicher. Von den neun Siemens-Druckwassertypen gehen weitere zwei auf Rechnung der KWU.

Die gute Auftragslage nimmt den KWU-Herren eine Sorge jedoch nicht: Es gibt keinerlei Bestellungen aus den Ländern der Europäischen Gemeinschaft, die gegenwärtig dabei sind, ihre Kernkraftwerkskapazitäten auszubauen. Italien, Frankreich und Großbritannien sperren sich mit allen Mitteln gegen die Deutschen. Auf dem europäischen Terrain mußte die KWU eine Schlappe nach der anderen einstecken.

Barthelt macht aus seiner Enttäuschung darüber keinen Hehl: "Was haben wir uns für Mühe gegeben, europäisch zu Kooperieren. Überall bekamen wir Nasenstüber." Dabei ist die KWU die einzige Kraftwerks-Herstellerin, die zugleich über Druckwasser- und Siedewasserreaktoren verfügt.