Italien und Frankreich haben sich zwar auf eben diese Techniken verlegt. Doch werden Druckwasser-Reaktoren nach Lizenz der Westinghouse (USA) und Siedewasser-Anlagen nach Lizenz der ebenfalls amerikanischen General Electric jeweils im Lande gebaut. (Auch die KWU besitzt für den Siedewasser-Typ eine General-Electric-Lizenz. Den Vertrag mit Westinghouse hatte Siemens bereits 1970 gelöst.)

In Großbritannien wollte der Chef der – unabhängigen englischen – General Electric Company Ltd., Arnold Weinstock, ebenfalls den Druckwasser-Reaktor propagieren. Er schlug im Frühjahr sogar einen gegen die KWU gerichteten atomaren Dreierbund aus seiner eigenen Firma, Westinghouse und der französischen Lizenznehmerin dieses US-Konzerns vor. Die britische Regierung entschied sich aber dafür, die in der Öffentlichkeit umstrittene eigenständige englische Reaktorlinie fortzuführen, weil nur sie einen hohen nationalen Produktionsanteil garantiert.

Die europäischen Mißerfolge veranlaßten schließlich die KWU, sich forciert um Rußlandaufträge zu bemühen. Siemens-Chef Bernhard Plettner: "Sollen wir das russische Geschäft den Amerikanern überlassen?" Zwar ist bisher nur ein Auftrag aus der Sowjetunion in Sicht. Doch hofft Barthelt auf ein gutes Folgegeschäft, auch mit Komponenten.

Nach wie vor aber bemühen sich die Verantwortlichen in den KWU-Zentralen Mülheim und Erlangen um eine breitere Europa-Basis. Denn der "Übergang von den heutigen Leichtwasserreaktoren auf die Typen der "zweiten Generation" – Schnelle Brüter und Hochtemperatur-Reaktoren – scheint ihnen ohne Kooperationen unmöglich. Das Schnellbrüter-Prototyp-Kraftwerk Kalkar baut die KWU-Tochtergesellschaft Interatom bereits zusammen mit Partnern aus Belgien und Holland. Und schon jetzt haben das deutsche RWE, die französische Electricite de France und die italienische ENEL – die drei größten Stromerzeuger der EG – vereinbart, daß sie in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre in Frankreich und der Bundesrepublik zwei große Schnellbrut-Kraftwerke mit je 1200 Megawatt gemeinsam errichten lassen wollen. Projekte dieser Größenordnung könnten dann nicht nur diese Auftraggeber, sondern auch die deutschen, italienischen und französischen Reaktorbau-Hersteller an einen Tisch zwingen.

Gleiches gilt für die Hochtemperatur-Technik. Bei Schmehausen entsteht gegenwärtig ein Prototyp-Kraftwerk nach dem von Professor Rudolf Schulten entwickelten "Kugelhaufen"-Typ. An der Baugesellschaft ist die amerikanische General Atomic beteiligt, eine paritätische Tochter von Gulf Oil und Shell. Diese General Atomic, die bereits in Frankreich gut im Atomgeschäft ist, macht sich allerdings für den Hochtemperaturreaktor-Typ mit blockförmigen Brennelementen stark, so daß bereits befürchtet wird, das deutsche Eigengewächs "Kugelhaufen" könnte schließlich auf der Strecke bleiben.

Nach Ansicht Barthelts ist aber das Schulten-Konzept dem Gulf-Prinzip überlegen, da es höhere Helium-Temperaturen garantiere. Unter allen Umständen will die KWU jedenfalls trotz der starken US-Konkurrenz den Hochtemperaturreaktor in ihre Aktivitäten einbeziehen.

So hat sie die Arbeitsgemeinschaft Nukleare Prozeßwärme und die Gesellschaft für Hochtemperaturtechnik mbH (GHT) gegründet, bei der 40 Prozent für mögliche Partner reserviert sind. Doch auch dieses Kooperationsgesuch ist ohne Antwort geblieben.

Nach so erfolgloser Brautschau soll sich die KWU jedoch nicht gebärden "wie ein enttäuschter Primaner, der mit dem Fuß aufstampft" (Barthelt). "Wir sind immer offen." Aber reale Chancen für eine "größere Lösung" sieht der KWU-Chef heute nicht. Der Lieblingswunsch der Europäischen Kommission, die gern sähe, daß sich möglichst bald zwei leistungsfähige, miteinander konkurrierende europäische Atomkonzerne bildeten, wird sich so bald nicht erfüllen.