Immer mehr Männer drängen in die Küche, um ihre Kochkünste zu beweisen

Ich koche nicht, sondern ich bereite Gerichte zu, ‚kochen‘ sagt man von den Weibern." So belehrte seinen, der armselige Koch auf einem Wolgaschiff, seinen Küchenjungen Alexej, der sich später Maxim Gorki genannt hat und in seinen Kindheitserinnerungen "Unter fremden Menschen" genau beschrieb, wie gleichgültig dem Koch Smury diese Gerichte waren. Wie Smury denken die meisten Männer, vor allem jene, die aus dem Kochen eine Kunst zu machen suchen. Aus der Tatsache, daß es bis in die Zeit der Gründerjahre hinein immer nur berühmte Köche gegeben hat und nie berühmte Köchinnen, schließen sie, daß die Frauen auch auf diesem Gebiet der Künste keine Kreativität besitzen.

Es ist eben zu wenig bekannt, daß Köche, ebenso wie andere Handwerker, seit Anfang des europäischen Mittelalters zu Einungen (Innungen), Gilden oder Zünften zusammengeschlossen waren und daß bis vor hundert Jahren keine Frau öffentlich in Stadt oder Gemeinde ihre Kochkünste hätte zeigen können, da Frauen – wie die Juden – nicht zunftfähig waren. Ihnen war nur im Märchen als Allerleirauh eine Karriere möglich, die vom "Ställchen unter der Treppe" zum Königssaal führte. Die meisten Weiber mußten wie das noch nicht erlöste Allerleirauh in der Küche schuften: "Da trug es Holz und Wasser, schürte das Feuer, rupfte das Federvieh, belas das Gemüs, kehrte die Asche zusammen und tat alle schlechte Arbeit." (Brüder Grimm)

Oder wie es noch August Bebel 1890 in "Die Frau und der Sozialismus" beschrieb: "Die Privatküche ist für Millionen Frauen eine der anstrengendsten, zeitraubendsten und verschwenderischsten Einrichtungen, bei der ihnen Gesundheit und gute Laune abhanden kommt und die ein Gegenstand der täglichen Sorge ist, namentlich wenn, wie bei den allermeisten Familien, die Mittel die knappsten sind." Nicht die besten Bedingungen also für kulinarische Großtaten.

Es waren dann trotzdem Frauen, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts jene Kochbücher verfaßten, die heute noch interessant und lesenswert sind: Henriette Davidis in Deutschland, Katharina Prato, Edle von Scheiger, in Österreich, Eliza Acton in England. Sie machten aus der fürstlichen Hofküche eine bürgerliche Wissenschaft. –

Gut oder miserabel kochen, das ist fürwahr an kein Geschlecht gebunden, doch es löst als Frage oder Vorurteil heute bei Männern mehr Emotionen aus als bei Frauen. Männer haben in den letzten Jahrzehnten überall Vorrechte und Autoritäten verloren. Kein Wunder, daß sie sich Freiräume schaffen und erfinden, in denen sie allein recht haben und trumphieren können. Die Klubs der kochenden Männer mit ihren mittelalterlichen Phantasie-Riten, mit je nach Rang hohen oder höheren Kochmützen, sind therapeutische Spiele, die sie nicht nur dick, sondern auch froh machen. Denn es tut gut, aus dem Essen, das schließlich jeder betreiben muß, etwas ganz Besonderes und Exklusives zu machen, indem man Widersprüche provoziert, Leichtes für schwer erklärt, Einfaches für kompliziert oder sich Geheimnisse der Überlegenheit erringt. Oder indem man bekannte Zutaten und Zubereitungsmethoden als barbarisch bezeichnet und nur dem kulinarische Qualität zuspricht, was man auf einheimischen Märkten garantiert nicht kaufen kann.

In Zeiten, in denen Lebensmittelhersteller von der "Demokratisierung der Delikatessen" sprechen, ist es nicht mehr einfach, den Tisch anders zu decken als alle und den Zeremonien am Herd Prestige zu verleihen, ohne in den Verruf zu kommen, sich "nur" für das Kochen zu interessieren, für Weiberkram. Sybil Gräfin Schönfeldt