Von Sibylle Krause-Burger

Die Abiturienten des Jahrgangs 1974 haben allen Generationengroll und das, was daraus an Kritik und Aktion erwachsen ist, begraben. Weder Aggressionen noch die Schärfe des politischen Gedankens bewegen die Mehrzahl dieser 19jährigen. Ihre Sorge gilt der Ausbildung und dem künftigen Beruf, und die Parole des Tages heißt heute "Sicherheit".

"Wir sind gut ‚informiert über die Chancen und Aussichten, die wir haben" – so sagen sie selber, oder auch: "Wir sind im Bilde." Mit anderen Worten: Man gibt sich realistisch. Man weiß, daß viel zu viele Abiturienten auf viel zu wenige Studienplätze warten, daß man sich gedulden, daß man sich bescheiden, ja, daß man möglicherweise verzichten muß, daß die höheren Weihen des Medizinstudiums nur an die Leistungsstärksten vergeben werden.

Thomas W. zum Beispiel will Arzt werden. Anderthalb Jahre muß er mindestens auf seine Zulassung zur Hochschule warten. Bis dahin arbeitet er als Krankenpfleger. Doch dann beginnt er seine berechenbare Laufbahn: "Ich will mich auf Orthopädie spezialisieren. Da verdient man gut. Das ist eine sichere Sache."

Auch Gisela K. hätte gern Medizin studiert. Ihr Notendurchschnitt und der Numerus clausus verwehren ihr jedoch ebenfalls fürs erste den Zugang zur Universität. Vier, vielleicht sogar sechs Jahre muß sie auf einen Studienplatz warten. Deshalb lernt auch sie zunächst einmal Krankenpflege: "So arbeite ich auf alle Fälle auf dem Gebiet, das ich mir ausgesucht habe, und gesichert bin ich auch."

Der Architektensohn Peter S. hatte vor, den Beruf seines Vaters zu ergreifen. Auch er kam im Fach seiner Wahl nicht an. Jetzt ist er auf Elektrotechnik ausgewichen, und diese Disziplin will er zu Ende studieren, "weil da die Zukunft sicherer ist und weil man doch so mitkriegt, wie eine Baufirma nach der anderen pleite geht".

Insgesamt 61 000 deutsche Studenten (6000 Ausländer sind dabei nicht mitgerechnet) haben sich in diesem Wintersemester bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in Dortmund für ein Numerus-clausus-Fach oder eine von der Zulassungsbeschränkung betroffene Fächerkombination beworben. Rund 35 000 Antragstellern ist ein ablehnender Bescheid ins Haus geflattert. 10 000 dieser studierwilligen Abiturienten sind allerdings mittlerweile in Ausweichfächern oder anderen Ausbildungsgängen auf Dauer untergekommen. Sie haben kein Wiederbewerbungsschreiben eingereicht, und sie haben sich – so steht zu vermuten – in einem "Parkstudium" zufrieden eingerichtet.