Von Eduard Neumaier

Bonn, im November

Herbert Marcuse, der Wortrevolutionär, irrte, als er im Mai letzten Jahres behauptete: "Die erste heroische Periode der Bewegung, die Phase unbekümmerter und oft spektakulärer Aktionen ist zu Ende." Einen Monat später setzte sie aufs neue ein. Waffen wurden gefunden, Bomben explodierten, Attentate wurden verübt, und im Untergrund der Anarchisten begann, was Bundesminister Werner Maihofer vorige Woche selbstsicher so beschrieb: "Nach Zerschlagung der Kerngruppe der kriminellen Vereinigung Baader-Meinhof im Jahre 1972 war von Anfang an klar, daß die versprengten Reste dieser Terroristenorganisation das äußerste versuchen würden, noch vor Beginn des voraussichtlich im kommenden Frühjahr anberaumten Verfahrens gegen die Hauptbeschuldigten, insbesondere Baader und Meinhof selbst, diese Gefangenen zu befreien."

Die Sicherheitsorgane glauben, daß sie noch oft eingreifen müssen, um die versprengten BM-Reste endgültig zu vertreiben. Für zahlreicher und erfahrener, skrupelloser und erfindungsreicher als die ehemalige Baader-Meinhof-Gruppe halten sie diesen "Rest". Wo die Polizei früher Jagd auf rund 40 Mitglieder der Baader-Meinhof-Clique machte, fahndet sie jetzt nach mutmaßlich etwa dreihundert, die in kleine Gruppen aufgeteilt sind. Sie nennen sich "Kommando Petra Schelm", "Kommando Revolutionäre Volkserneuerung", "Schwarzer Juni", "Rote Armee Fraktion – Aufbauorganisation", "Komitee 2. Juni".

Der Mordanschlag auf den Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann hat alle mobilisiert. Vorher mochten die Politiker den Warnungen, die sie zu hören bekamen, nicht glauben. Seit dem Juni 1973 aber ist der Stapel alarmierender Berichte aus dem Bundeskriminalamt auf einen Meter Höhe angewachsen. Einige zehntausend Seiten Analysen, Dokumentationen und Schlußfolgerungen wurden mittlerweile vorgelegt.

Bei den Nachfolgegruppen handelt es sich offenbar nicht um eine neue Organisation unter neuer Führung. Es ist die alte Organisation mit neuen Mitgliedern, gelenkt vom alten Kader. Die Indizien dafür füllen meterlange Ordnerreihen. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen, Umfang, Kommunikationssystem und Struktur der alt-neuen kriminellen Vereinigung auszumachen. Daß dieses Material sichergestellt würde, ist angeblich ins Kalkül der Häftlinge einbezogen. Denn erst dadurch, so lautet eine amtliche Version, werde das ausgetüftelte Kommunikationssystem der Inhaftierten perfekt; erst durch die amtliche Aufnahme in die Gerichtsakten könnten die Anwälte legal vom konspirativen Inhalt der Anweisungen Kenntnis erhalten, könnten sie die Dokumente als Photokopie ihren Klienten in anderen Gefängnissen völlig legal aushändigen.

"Nie in den ganzen Jahren ihrer Untergrundtätigkeit", behauptet ein Kenner der Materie, "hat das Hirn der Bewegung so ungestört seine Pläne entwickeln und ausfeilen können wie in der Untersuchungshaft. Der Kopf der Bewegung ist nicht abgeschlagen. Er ist nur verlagert auf die Gefängniszelle, in den konspirativsten Ort der Welt." Diese Sätze mögen übertrieben klingen, aber es gibt Belege. Hunderte von Bastelskizzen wurden aus den Zellen in die Organisation lanciert.