Von Ferdinand Ranft

Die Schüler der 8. Klasse des Hamburger "Christianeums" beschäftigen sich im Geographieunterricht mit ungewohnten Themen: Sie versetzen sich in die Lage eines Reisebüroangestellten und empfehlen Reiseziele, sie planen eine Kreuzfahrt, einen Skiurlaub, eine Bergtour und einen Wochenendausflug. Ein andermal entwerfen sie einen Fremdenverkehrsprospekt für Hamburg mit Unterkunftsverzeichnis, Freßlokalen und Sehenswürdigkeiten. Sie prüfen aber auch den Wahrheitsgehalt von Reiseprospekten und untersuchen an Hand von Lageskizzen, warum bestimmte Badeversprechen und Ruhezusicherungen nicht stimmen können.

Aber nicht nur in Hamburg hat seit einiger Zeit, und von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, das Thema Tourismus Einzug in den Schulunterricht gehalten, es findet sich inzwischen in den Lehrplänen aller Bundesländer mit Ausnahme von Bremen, Schleswig-Holstein und dem Saarland, wie Uwe Volker Karst unlängst auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum zum Thema "Urlaub zwischen Anpassung und Freisein" feststellte.

Die Schulbuchverlage haben rasch nachgezogen und ihre Geographiebücher mit entsprechenden Tourismus-, Fremdenverkehrs- oder Reisekapiteln angereichert, wie beispielsweise Westermann, Schroedel oder der Bayerische Schulbuch-Verlag.

Zieht man in Betracht, daß Jahr für Jahr der größte Teil aller Schulkinder entweder allein, mit Freunden oder mit den Eltern eine Ferienreise unternimmt, dann bedarf es keiner weiteren Begründung, warum das Thema Tourismus und Urlaub als Teil des Unterrichts von allergrößter Bedeutung ist. Wichtiger ist freilich die Frage, wie denn Schulbuchautoren und Pädagogen die Thematik angehen, welche Leitbilder und didaktischen Überlegungen ihren Lehrvorstellungen zugrundeliegen. An Hand des Geographiebuches "Mit der Erde und ihren Gesetzen leben", Band 2, für das 7. und 8. Schuljahr, Ernst Klett Verlag, Stuttgart, und den dazugehörenden "Lehrerinformationen" wollen wir den jüngsten Unterrichtsstoff "Tourismus" kritisch durchleuchten.

Am Sachverstand der Autoren besteht nicht der geringste Zweifel; Scharnow-Marketing-Chef Herbert Brandt, der seit einiger Zeit privat einschlägige Geographiebücher sammelt, ist über deren Inhalt hell begeistert: "Die Kollegen in der Branche haben ja keine Ahnung, was da an profundem Wissen an die Kinder weitergegeben wird!" Dazu sind freilich ein paar Anmerkungen nötig.

So wundert sich natürlich der Reisejournalist, warum den Schülern zur Anregung und Information außer den Prospekten lediglich die Anzeigen in den Zeitungen empfohlen werden, nicht aber deren redaktioneller Teil, von Rundfunk, Fernsehen und vor allem Büchern ganz zu schweigen.