Für die Börsianer ist die konjunkturelle Bremsphase vorüber. Die Zinsen sinken bereits und die öffentlichen Hände sind mehr oder weniger versteckt dabei, die Konjunktur wieder anzuheizen. In wenigen Wochen wird dies die Bundesregierung ganz offiziell tun, schon im Hinblick auf die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Natürlich ist man sich auch in den Börsensälen bewußt, daß dies alles einen neuen Inflationsschub bringen wird, aber der Berufshandel denkt weder lang- noch mittelfristig; er will an dem für die nächsten Wochen möglichen Anstieg der Aktienkurse teilhaben.

Wie weit er gehen und wann er beendet sein wird, hängt nicht zuletzt vom Verhalten der Ausländer ab, die in den letzten Tagen sowohl deutsche Renten als auch deutsche Aktien in ansehnlichen Beträgen erworben haben. Einmal, weil sie in Papieren mit stabiler Währung (die Mark gilt wieder einmal als aufwertungsverdächtig) investiert sein wollen, zum anderen scheinen jetzt einige Petro-Dollar über ausländische Banken zum Erwerb von Aktien der Deutschen Bank, von Siemens, Daimler, Schering und Mannesmann benutzt worden zu sein. Wunder sind aus dem Morgenland jedoch kaum zu erwarten. Die Ölmagnaten sind renditebewußt und zeigen deshalb deutschen Aktien – bis auf Ausnahmen – die kalte Schulter.

Der Kursanstieg der Bauwerke geht auf die Überlegung zurück, daß die Bauwirtschaft über den Staat am ehesten wieder auf volle Touren gebracht werden kann. Hinzu kommt, daß sich in den ölfördernden Ländern eine Bauwelle abzeichnet, an der auch die großen deutschen Firmen dieser Branche verdienen werden. Börsen-Tip-Dienste sagen ihnen für 1976 sprunghaft steigende Gewinne voraus, wenn nämlich die Ausführung der Auslandsaufträge mit dem neuen Inlands-Bau-Boom zusammentrifft. Natürlich ist das Zukunftsmusik, aber davon lebt die Börse.

Eine solidere Grundlage hat der Anstieg der Kurse der Kaufhaus-Aktien. Das gute Weihnachtsgeschäft wird dazu beitragen, die keineswegs ungünstigen Ertragsprognosen der Warenhauskonzerne in Erfüllung gehen zu lassen. Im kommenden Jahr sollen Rentenerhöhungen und Steuersenkung für klingelnde Ladenkassen sorgen.

Rätsel gibt weiterhin die Aktie von AEG/Telefunken auf. Zwischen 53 und 55 Mark je 50-Mark-Aktie mußte das Papier massiv gestützt werden, weil Panikverkäufe drohten. Manche Leute gebärdeten sich, als ob Deutschlands zweitgrößter Elektrokonzern pleite wäre. Daß es ernst um die Gesellschaft steht, zeigt der Besuch von AEG-Chef Hans Groebe beim Bundeskanzler. Hier ging es aber nicht um eine Bundesbürgschaft, sondern um die Beteiligung der AEG an der Kraftwerksunion. Man wollte von Bonn wissen, ob die Bundesregierung – falls Siemens den KWU-Anteil der AEG nicht übernehmen wird – selbst KWU-Partner zu werden gedenkt oder ob grünes Licht für einen Verkauf der Beteiligung ins Ausland gegeben wird. Eines steht heute schon fest: Die geplante AEG-Wandelanleihe ist zu den Akten gelegt. K. W.