Von Haug v. Kuenheim

Auf dem kleinen Friedhof von Hamburg-Stellingen wurde Zeitgeschichte inszeniert. Zwischen den Tannen am Saum der Gräberreihen stand schweigend das letzte Aufgebot der Revolution: Holger Meins’ Kampfgefährten gaben dem toten "Guerillero" das Geleit. Während der Pfarrer die Schlußworte seiner verlegenen Grabrede sprach – war Holger ein Fanatiker? –, stimmte der alt und grau gewordene Kämpe Rudi Dutschke die Internationale an: Vorspiel für ein neues romantisch-pathetisches Revolutionsdrama. Rudi Dutschke stellte sich an das offene Grab, hob die rechte Faust und rief: "Holger, der Kampf geht weiter." Und nach ihm traten junge Männer und Frauen mit roten Nelken ans Grab: Die Revolutionäre schworen ihrem neuen Märtyrer, sein politisches Testament zu vollstrecken.

Doch Testamentsvollstrecker sind nicht in erster Linie Rudi Dutschke und seine Freunde, die in Protestdemonstrationen durch die Straßen ziehen. Diese Rolle hat ein kleine Schar von Anwälten übernommen. Vom sicheren Port ihrer Büros aus und unter dem Schutz der schwarzen Robe spielen sie nicht nur den Vermittler zwischen den Angeklagten der Baader-Meinhof-Gruppe, sondern verbreiten deren Parolen, Anweisungen und Wünsche im Lager der linken Radikalen.

Einer von ihnen ist der 37jährige Hamburger Anwalt Kurt Groenewold. Vehement weist er alle Verdächtigungen von sich, Transporteur revolutionären Gedankenguts oder gar von Kampfanweisungen zu sein. "Ich stehe lediglich auf Seiten der Angeklagten", erklärt er.

Kurt Groenewolds Weg ins linke Lager ist nicht untypisch: Der Sohn eines wohlhabenden Grundstücksspekulanten – noch heute bezieht er Gewinne als Mitglied einer Erbengemeinschaft – fand, wie viele seinesgleichen, die Welt reformbedürftig. Der Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss, er war ein Freund seiner Schwester, klärte den jungen Juristen über die Verworfenheit des kapitalistischen Systems auf. Und als die ersten Demonstrantenprozesse begannen, sah Kurt Groenewold seine Stunde kommen. Zusammen mit dem Saarbrücker Juristen und Bänkelsänger Franz-Josef Degenhardt verteidigte er in Hamburg politische Demonstranten. "Väterchen Franz" betrachtet heute mit der Gelassenheit eines erfolgreichen Romanschriftstellers die politischen Eskapaden seines Sozius, Groenewold indes hat sich in seine Rolle verbissen: Er sieht sich als Ankläger des bundesrepublikanischen Rechtssystems.

"Mord" – der schwerste Vorwurf, den das deutsche Strafgesetz kennt –, das Wort geht ihm schnell über die Lippen. Keine juristischen Vorbehalte, kein Versuch zur Differenzierung. Den Tod von Holger Meins nennt er ohne Zögern "Mord", und alle offiziellen Erklärungen über die Haftbedingungen der Baader-Meinhof-Leute sind für ihn nur Lüge.

Anwalt Groenewold hält sich mit Schwierigkeiten der Logik nicht lange auf. Einerseits ist das Rechtssystem für ihn eine faschistische Mystifikation, andererseits nutzt er es bis an die Grenze und über die hinaus, um Vorteile für seine Mandanten zu erreichen, Einerseits propagiert er den Hungerstreik, andererseits fordert er eine kalorienhaltigere Zwangsernährung.