Von Theo Sommer

Nun wissen wir es also: Günter Guillaume hätte nie im Bundeskanzleramt angestellt werden dürfen. Dies jedenfalls ist das Ergebnis, zu dem die Eschenburg-Kommission in ihrem 120 Seiten starken Untersuchungsbericht gelangt ist, der am Montag in Bonn veröffentlicht wurde.

Mit ihrem Bericht hat die Kommission dem Guillaume-Ausschuß den Rang abgelaufen, wenn nicht überhaupt das Wasser abgegraben. Das Schriftstück verdient noch eine eingehende Würdigung. Schon die erste flüchtige Lektüre macht jedoch klar, daß dem parlamentarischen Untersuchungsgremium nicht viel mehr bleibt, als die Randergebnisse abzurunden, die bei seiner Tätigkeit abgefallen sind – zum Beispiel der weithin historischen, wiewohl nicht uninteressanten Frage nachzuspüren, ob der Bundesnachrichtendienst sich in der Amtszeit seines ersten Präsidenten Reinhard Gehlen wirklich an seinen Auftrag gehalten hat, lediglich Auslandsaufklärung zu treiben.

Reinhard Gehlen hat dies stets behauptet. Noch vor vier Wochen erklärte er einem Vertreter der "Deutschen Zeitung", der ihn nach BND-Dossiers über führende Politiker aller Parteien befragt hatte: "Dossiers, den Ausdruck kannten wir beim Bundesnachrichtendienst überhaupt nicht. Es handelt sich vielmehr um Akten, die unter besonderem Beschluß aufbewahrt wurden und deshalb Sonderakten hießen. Zum größten Teil enthielten sie Nebenerkenntnisse, die bei der Aufklärung im Ausland abfielen. Manchmal auch Quatsch und Tratsch." Auch in einer schriftlichen Stellungnahme leugnete der General und Präsident a. D. jegliche Inlandsaufklärung zu seiner Zeit.

Inzwischen weiß es der Guillaume-Ausschuß besser. Als er Anfang der Woche nach München aufbrach, um den reiseunfähigen Gehlen zu vernehmen, tat er dies in Kenntnis einer mehrere hundert Seiten dicken Akte mit lauter Schnüffelberichten über tatsächliche und angebliche Intimvorgänge der deutschen Presse. Verfasser war der Agent 12619: der ehemalige Propaganda-Kompanie-Berichterstatter Günther Heysing, in Hamburger Verlagsstuben als häufiger Besucher bekannt, seines Zeichens Herausgeber der "Wildente", eines rührseligen Nostalgieblättchens für ehemalige PK-Leute.

Aufschlußreich an Heysings Berichten ist weniger der Inhalt – der ist teils richtig, teils falsch, teils verzerrt. Aufschlußreich sind vielmehr die Kommentare, mit denen er seinen Auftraggebern die Ergebnisse seiner Spitzelei schmackhaft zu machen suchte. Und aufschlußreich ist auch, was der BND-Sachbearbeiter auf der Meldung Nr. 502 vom 7. Mai 1962 ("Betr.: Verschwendung beim ZEIT-Verlag, Hamburg") vermerkte: "Besonders interessant – aber natürlich nur intern." Im übrigen schrieb er den Bericht zu den Akten: "ZdA ZEIT." Dossiers gab es also nicht nur über Bonner Politiker, sondern auch über die westdeutsche Presse. In Pullach wurden sie interessant gefunden, angefordert, belobigt; sogar von Gehlen höchstpersönlich.

Wir drucken nachstehend einen der Berichte über die ZEIT ab. Der Text bedarf keines Kommentars. Auslandsaufklärung? Die Erwähnung von Südafrika und Positano reicht zu dieser Kennzeichnung schwerlich aus. Hier wurde übelster Tratsch verbreitet – Wildenten, serviert in einer ungenießbaren Sauce, wie sie nur von überständigen Beamten des "allwissenden, patriotisch gefestigten, unbestechlichen, realistisch urteilenden Pullach" (Heysing über den Bundesnachrichtendienst, dem er bis 1973 diente) noch goutiert werden konnten.

Nachrichtendienst ist eine zu ernste Sache, als daß man ihn Dunkelmännern überlassen dürfte. Wenn der Guillaume-Ausschuß diese Einsicht zum Gesetz erheben könnte – er wäre noch immer seine Sitzungsspesen wert, wenngleich ihm die Eschenburg-Kommission mit dem Bericht über den eigentlichen Untersuchungsgegenstand zuvorgekommen ist.