Alle reden von einer neuen Krise im Nahen Osten. Aber die Industrieländer sind heute kaum besser gewappnet als vor einem Jahr

Während US-Finanzminister Simon immer noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit seinem Glauben Ausdruck verleiht, daß die Rohölpreise wieder sinken werden, hält sein Kabinettskollege Henry Kissinger wenig davon, die Politik der westlichen Industrienationen auf solchen Illusionen aufzubauen. Seine jüngsten Gespräche im Nahen Osten haben ihn offensichtlich in der Ansicht bestärkt, daß die Araber nicht daran denken, den Ölpreis wieder zu senken. Sie sind auch nicht im geringsten bereit, im politischen Machtkampf auf diese ökonomische Atombombe, die ihnen die Natur beschert hat, zu verzichten. Diese Meinung wird im übrigen auch von fast allen Kennern des internationalen Mineralölgeschäfts vertreten (siehe Gespräch mit Exxon-Präsident Clifton J. Garvin, Seite 43).

Leider läßt Kissinger seiner realistischen Lageanalyse ein unrealistisches Konzept folgen. Sein Fünf-Punkte-Programm:

  • gemeinsame und koordinierte Maßnahmen der Industrieländer zur Energieeinsparung;
  • beschleunigte Erschließung neuer Energiequellen;
  • gemeinsame Maßnahmen zur Verhinderung einer weltweiten Wirtschaftskrise;
  • Hilfen für solche Entwicklungsländer, die unter den hohen Energiepreisen am meisten leiden; • gemeinsame Gespräche der Industrieländer mit den Förderländern (Verbraucherkartell).

Diesem Programm fehlt die wichtigste Grundlage: eine Solidarität der westlichen Industriestaaten. Vor einem Jahr erlitt die Europäische Gemeinschaft ihre bisher schwerste Niederlage, als sich zeigte, daß 16 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge bei der ersten großen Bedrohung von außen jedes Mitglied der Gemeinschaft nach dem Motto "rette sich wer kann" handelte. Und wer noch glaubte, dies könne mit dem Schock der Ölkrise erklärt werden, hat in den vergangenen Monaten erkennen müssen, daß auch dies eine Illusion war. Angesichts einer drohenden neuen Nahost-Krise kann von westlicher Solidarität auch heute keine Rede sein.

Da die Versorgung mit Öl wieder funktioniert, ist auch die Frage der Energieeinsparung mehr ein Thema theoretischer Erörterungen als energischer Maßnahmen geblieben. Das gilt vor allem für die USA, den größten Energieverbraucher der Welt; Detroit konstruiert Straßenkreuzer, die mehr Energie verbrauchen als je zuvor; in Bürogebäuden, Hotelpalästen und Privathäusern rauscht die Klimaanlage selbst bei schönstem Wetter; das Benzin ist immer noch so billig, daß sich die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder gemeinsame Fahrten zur Arbeitsstätte kaum lohnen. Statt alle Kräfte auf die Erschließung neuer Energiequellen zu konzentrieren, widmen sich viele Politiker der sehr viel populäreren Aufgabe, die Mineralölkonzerne zu beschimpfen.

Bisher haben sich die Industrieländer der Herausforderung durch das Kartell der ölproduzierenden Staaten nicht gewachsen gezeigt. Falls es nicht gelingt, eine neue Katastrophe im Nahen Osten zu verhindern, werden wir die Folgen der Versäumnisse noch schmerzhafter zu spüren bekommen als vor einem Jahr. Dann wird sich allerdings niemand mehr damit herausreden können, das sei nicht vorhersehbar gewesen.

Michael Jungblut