Von Rind Sanders

Über den Damm, den "Ponte di Liberta", rollen Auto an Auto Touristen zu den Parkplätzen und Parkhäusern an der Piazzale Roma. Aus den immer verspäteten Fernzügen klettern sie steifbeinig und treten aufatmend auf die Freitreppe zum Canal Grande: Venedig! Der Herbst spannt einen Himmel von ausgebleichtem Jeansblau aus über der Stadt ohnegleichen; an den nordwestlichen Rändern sind die krackeligen Konturen von Mestre und Porto Marghera auf den Stoff gestrichelt: scheinbar harmloses Lineament. Der "Canalazzo" der Venezianer schlägt sein pernodfarbenes Fragezeichen durch die Stadt, unter das die dicke Kuppel von S. Maria della Salute den Punkt setzt.

Vielleicht mit Hilfe der Madonna ist Venedig zu retten, sonst nicht. Die Comtessa Anna Maria Cicogna, Präsidentin von Venedigs "Italia Nostra"-Gruppe, nennt mir den ersten Nachkriegsbürgermeister, den Kommunisten Gianquinto, als den einzig fähigen. "Ja", sagen andere, "damals wurde er mit allen Mitteln bekämpft". – "Auch er hat die Entwicklung nicht erkannt, als man ihr noch hatte begegnen können, "meint Bruno Visentini, heute Olivetti-Boß, Confindustria-Vizepräsident und Präsident des italienischen Venedig-Komitees.

Danach kamen die Democristiani, und zur Zeit wird die Wasserstadt, dieser aus der intelligenten Phantasie vieler Geschlechter eines seefahrenden Volkes ausgefüllte Menschheitstraum, von einer Mitte-Links-Giunta nach annähernd römischem Muster kleinkariert regierte Während in der Region Veneto der rechte Flügel das Sagen hat, koaliert in Venedig der linke. Wieviele Jahre hatten die Christdemokraten Zeit, ihrer gefährdeten Stadt zu helfen! Geschehen ist "chiachiere", Geschwätz.

"Abwesenheit von Phantasie, Mut und Vision", nennt Anna Maria Cicogna diesen Stil; die Leute, die solche Gaben besaßen, brachten derweil ihr Schäfchen ins Trockene. Hinter dem Canaletto-bunten Betrieb und der beflissenen Tourismus-Munterkeit stößt man überall auf Resignation, Apathie, Selbstironie; manchmal noch Entrüstung, allenfalls unfrohe apologetische Eloquenz. "Erwarten Sie nicht, daß ich etwas über mein Sachgebiet hinaus sage."

Es ist schwer, in und über Venedig eine halbwegs sachliche Information zu bekommen. Auch Fakten verformen sich unter dem Druck von Emotionen, Interessen, Klassen, und sogar die Einwohnerzahl ist eine polemische Variable: nimmt sie noch ab, konsolidiert sie sich? Ja, wieviel Leute sollten überhaupt hier wohnen, wie viele kann die Stadt ernähren? Statistik liest sich abends anders als am Morgen und anders linksals rechtsherum.

Die Stadt sinkt