Weise Voraussicht ließ einen englischen Kritiker schon nach der Londoner konzertanten Uraufführung von Hans Werner Henzes "Tristan" hoffen, eine getanzte Version, die Pariser Choreographie durch Glen Tetley, werde weiteren und notwendigen Aufschluß über Henzes verschachtelte Partitur geben – ließ ihn aber auch nicht ausschließen, daß es dem Ballett auf eine solche Durchdringung der Musik vielleicht gar nicht ankommen werde.

In der Tat ist Glen Tetleys Auffassung über diese Dreiviertelstunde Musik, die vom Orchester, einem Soloklavier und vorgefertigten Tonbandteilen zusammengespielt wird, sehr eigenwillig – und von Wagner meilenweit entfernt.

Allerdings läßt das Ballett alle möglichen Spekulationen zu. So sind gewiß für Kenner der "Tristan"-Materie einigermaßen mühelos in einem Quintett von Solopaar, zwei Jungen und einem später aktivierten Mädchen in Ganztrikots gute Bekannte zu vermuten: Tristan und Isolde also, Marke und Melot sowie Brangäne. Und wenn zum Schluß unter einem wulstigen Röhrenbogen, einem Strahlenkranz, hinter einem Wald von Stäben (Bühne: Nadine Baylis) das Liebespaar zu Tode erschöpft lagert, ist das unschwer als "Tristan"-Finale auszumachen, zumal in Henzes Collage gegen Ende eine rauhe Mädchenstimme vom Band die Todespassage aus Bediers "Tristan"-Nacherzählung rezitiert.

Glen Tetley beschränkt sich auf wichtige "Tristan"-Motive, geht auf die Fabel nicht ein, wenn auch sein Engagement für den Stoff nicht so oberflächlich ist, wie es noch das Programmheft glauben machen will. Dort wird vor allem auf die beiden Tänzerpersönlichkeiten dieser Uraufführung hingewiesen, die genügend hervorragen für ein Galapublikum; auf die magische Spannung und den Kontrast zwischen einem klassischen russischen Tänzerstar – Rudolf Nurejew – und einer amerikanischen Modern-Dance-Solistin – der grazilen Carolyn Carlsson.

Tetley schürt mit diesen beiden Solisten, die sich aus verschiedenen Tanztraditionen auf dieses moderne Ballett zubewegen, einen Konflikt – dies ist schon der erste Gegensatz zu Henzes Musik, die ganz auf das Gegenteil gerichtet ist, die nämlich einen Konflikt lösen soll: Der Komponist Henze will seinen Frieden mit Richard Wagner machen.

Allerdings haben Henze und Tetley einen autobiographisch getönten gemeinsamen Nenner. Sie wollen beide eine künstlerische Vergangenheit bewältigen. Henze zitiert in seinen sinfonischen "Préludes für Klavier, elektronische Bänder und Orchester" in nach-mahlerischer Weise Renaissance und Romantik herbei, gipfelt (wenn man die komplexe Komposition grob rastert) in der chromatischen Viertonfolge des "Tristan"-Motivs, schiebt dagegen den Beginn der ersten Brahms-Sinfonie, reichert diese Ausflüge in die musikalische Vergangenheit an mit Trivialformen wie Walzer oder Chopins "Trauermarsch", der von einer Klavierwalze abgespielt wird. Langgestreckte Kadenzen des Soloklaviers überbrücken diese selbst sehr theatralische und manchmal pathetische Collage.

Tetley läßt sich von der Partitur (Dirigent: Marius Constant) zu einem Dialog mit seiner jüngsten choreographischen Vergangenheit anstiften. "Tristan" soll den neuen Stuttgarter Ballettdirektor wegführen von den ausgelaugten Formen des romantischen Tanzes, von der Darstellung einer harmonischen, heilen Ballettwelt. Nach seiner Arbeit mit kleineren Avantgarde-Ensembles hatte sich Tetley in den Opernbetrieben von Hamburg, München und Stuttgart auf die raffinierte glatte Virtuosität des klassischen Balletts verlegt, die jetzt auch zuerst die Kulisse des "Tristan" bildet.