Von Wolfram Siebeck

Popstar Rod Stewart von den "Faces" hat sich von seinen ersungenen Millionen ein 32-Zimmer-Landhaus gekauft, eines der noblen stately homes of England mit Dienerquartier, Park und der dazugehörigen feinen Tradition. Auf die Frage eines Reporters, in welchem seiner vielen und schönen Räume er sich am häufigsten aufhalte, antwortete er: "Auf dem Klo. Stundenlang. Dort schreibe ich auch meine Songs."

Stundenlang! Mr. Stewart kann von Glück sagen, daß ihm das Haus gehört. Ein deutscher Hausbesitzer würde ihm die sanitäre Denkstätte als gewerblichen Raum teuer vermieten.

Einen ähnlichen Fall von Stubenhockerei beschreibt Vigolais Thelen in seinen Erinnerungen an die Insel des zweiten Gesichts – wie er Mallorca und sein barockes Buch nennt. Darin ist es ein spanischer Grande, der einen großen Teil seiner Zeit an eben jenem Ort verbringt. Auch er verbindet den notwendigen Aufenthalt mit geistiger Tätigkeit; er lernt dort Deutsch und Griechisch, stundenlang.

Man sieht, die inspirierende Macht der Wasserspülung ist nicht zu unterschätzen, ob sie auf den Balearen rauscht oder in der Nähe von Ascot. Sogar in New York verfehlten sie, wie Millionen Pop Fans gesehen haben, nicht ihre Wirkung. Frank Zappa von den "Mothers of Invention" hatte seine Sternstunde auf der Brille. Mögen seine LP’s auch teilweise schon vergessen sein, das entsprechende Poster ist heute noch in der Erinnerung von uns allen lebendig.

Nur aus unserem Lande hört man nichts dergleichen. Wo sitzen unsere Musikanten, wenn sie komponieren? Wo entstehen die Texte deutscher Dichter? Manchmal sieht man einen im Caféhaus, die Stirne grüblerisch in die Hand gestützt; manchmal wandelt ein anderer gedankenverloren durch den Park. Aber das Klo als Inspirationsquelle haben sie offensichtlich nicht entdeckt. Vielleicht liegt es daran, daß sie keine 32-Zimmer-Häuser haben. Wer in einer Dreizimmerwohnung stundenlang den kleinsten Raum blockiert, kann kaum auf schöpferische Resultate hoffen. Mit Sicherheit wird er von energisch klopfenden Familienangehörigen beim schöpferischen Tim gestört, Wenn also unsere Popmusiker nicht ganz die Bedeutung ihrer englischen Kollegen erreichen, so mag das an den hiesigen bescheidenen Wohnverhältnissen liegen. Unsere Landhäuser sind nun mal nicht nobel und stattlich, sondern neu und von Wüstenrot.

Wer hier dichtet, wohnt ohnehin nicht auf dem Land, sondern in der Stadt. Ab und zu, meistens an den Wochenenden, tauchen sie bei mir auf, vom hellen Himmel geblendet, die sauerstoffentwöhnte Lunge schmerzhaft weitend. Ihre ungesunde Blässe läßt an die enge Verbindung zwischen Krankheit und schöpferischer. Sensibilität denken, auf die schon Thomas Mann verwies. Das scheint mir auch der Grund zu sein, warum wir trotz sozialem Wohnungsbau in Dingen geistiger Kreativität noch nicht völlig zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken sind. Die Leiden unserer Kreativen retten unseren Ruf. Es muß ja nicht gleich eine in Davos zu kurierende Schwindsucht sein à la Hans Castorp; Rod Stewart von den "Faces" beweist: Verdauungsstörungen tun es auch.