Von Thomas von Randow

Aus Europa waren sie gekommen, aus Asien und Amerika, um in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul ihre Gedanken und Erfahrungen über eine Wurzel auszutauschen, über die Wurzel der Pflanze Panax Ginseng. Der Name, ein Kompositum aus Griechisch und Chinesisch, besagt "Allheilmittel Menschenpflanze". Tatsächlich erinnert die Form der Ginseng-Wurzel zuweilen an einen menschlichen Körper, was den zweiten Teil des Namens als recht trefflich ausweist. Ob sie aber wirklich ein Panakos, ein Allheilmittel ist, darüber gehen die Ansichten weit auseinander. Das Internationale Ginseng-Symposium in Seoul sollte dies aufklären helfen.

Veranstaltet hatte den Kongreß die südkoreanische Regierung, die ein sehr großes Interesse daran hat, daß die seit Jahrtausenden in der Volksmedizin verwendete Wurzel als ein wirksames Arzneimittel erkannt wird. Denn sie wächst in Korea und eignet sich vorzüglich als Exportartikel dieses Landes, das ansonsten nicht allzu viel zu exportieren hat. Südkorea möchte die westliche Welt mit der Wurzel und ihren Extrakten versorgen, Nordkorea hat sich die sozialistischen Länder als Abnehmer ausgesucht.

Für Geschäfte mit der Wurzel, deren Kultivierung viel Mühe und Sachkenntnis erfordert, ist die Zeit gerade günstig. Im Rahmen der allenthalben bemerkbaren Abkehr vom Glauben an die Wissenschaft nimmt der Glaube an wunderbare Dinge in Ost und West zu. Damit haben auch exotische Heilmethoden wie die Akupunktur und volksmedizinische Drogen einen Siegeszug durch die zivilisierte Welt angetreten. Bei ihm soll nach dem Willen der interessierten Regierungen Nord- und Südkoreas, die Wurzel der Menschenpflanze kräftig mitmarschieren

Wann Ginseng in den Ruf kam, eine Heilpflanze zu sein, weiß niemand. Mit Sicherheit ist die Wurzel schon seit dreitausend Jahren im Gebrauch. Das freilich besagt nicht sehr viel; denn es gibt kaum eine ungiftige (oder auch nur schwach giftige) Pflanze in Ostasien, die nicht schon seit Jahrtausenden als Heilmittel gegen allerlei Zipperlein angewandt wird. Keine Apotheke ist so reich an Drogen wie die chinesische.

Warum nun Ginseng zum Allheilmittel gekürt wurde, ist leicht zu erraten. Der primitive Mensch hat, das lehrt das Studium der Volksmedizinen, überall auf dieser Erde bei den Heilpflanzen gern von der Form auf deren Wirkung geschlossen. Noch heute gilt bei manchen Naturheilkundigen die Walnuß als ein das Gehirn stimulierendes Medikament, weil ihr Kern wie ein Gehirn aussieht. Solcher isomorphen Schlußweise verdankt fraglos auch der Spargel seinen Ruf, bei Männern die Liebesfähigkeit steigern zu können. Muscheln, insbesondere Austern, wird aphrodisiakische Wirkung nachgesagt, besonders bei Frauen, ein Gedanke, der zugleich von der Form als auch vom Geruch inspiriert wird. In Indien gelten bestimmte – nierenförmige – Bohnen als Mittel gegen Nierenleiden, Pflanzen mit herzförmigen Blättern sind als Kräuter gegen Herzleiden beliebt, und der rotbäckige Apfel soll bei Kindern für rote Wangen sorgen.

Kein Wunder also, daß eine Wurzel, die häufig eine verblüffend menschenähnliche Gestalt hat, als Heilmittel für den ganzen menschlichen Körper angesehen wurde. Zuweilen freilich gemahnt die Ginseng-Wurzel nur an den Unterkörper eines Menschen, weshalb ihr besondere Wirkkräfte unterhalb der Gürtellinie, zum Beispiel als potenzsteigernde Droge, zuerkannt werden;