Das Präsidium unseres Verbandes hat mich gebeten, Ihnen, Herr Bundespräsident, dafür zu danken, daß Sie zu uns gekommen sind, zu danken, daß Sie eine Rede gehalten haben, deren Bedeutung offenkundig wird, wenn man bedenkt, daß Ihr Herr Vorredner, das letzte deutsche Staatsoberhaupt, das sich dediziert mit Fragen der Literatur auseinandergesetzt hat, Friedrich der Große war: 1780, de la litterature Sie haben Thesen formuliert, die im Zusammenhang mit Willy Brandts Stuttgarter Deklaration gesehen sein wollen, Thesen, die sich im Tenor radikal von jenen Verlautbarungen deutscher Politiker unterscheiden, in denen — so sehr sie auch iin Detail divergierten — Poesie immer nur als ein affirmatives, der Absicherung und Verklärung bestehender Ordnung dienendes Element aufgefaßt wurde.

Einerlei, ob Friedrich II sich gegen jene Shakespearesche Rebellenkunst wandte, die es verdiene, vor den Wilden von Kanada aufgeführt zu werden, aber nicht vor einer zivilisierten Gesellschaft, weil hier Totengräber und Fürsten, Proleten und Prinzen auf der gleichen Ebene agierten; einerlei, ob Friedrich Wilhelm IV von Preußen die Dichter des Hochverrats zieh, Metternich sie als Konspirateure etikettierte oder ob Bismarck die Literaten mit catilinarischen Existenzen verglich und das große Zuchthaus einer sozialistischer! Gesellschaft beschwor, in der die Redner, die verhaßten Agitatoren, als Aufseher fungierten — immer wurden in unserem Land, von selten der Macht, jenen Schriftstellern die Leviten gelesen, die sich als politische Dichter verstanden und darauf pochten, daß das von der Poesie Imaginierte in der Realität eingelöst werden müsse und daß es Aufgabe der Phantasie sei, Praktikabilität zu gewinnen.

Unter solchen Aspekten ist es kein Wunder, daß die Schriftsteller in unserem Land — politisch mißachtet und ohne Einfluß in der Gesellschaft — jahrhundertelang das Leben von Parias führten. Während in Frankreich ein Prolet wie dAlembert als Gleichberechtigter in den Kreisen der Gesellschaft verkehrte, Ludwig XIV es sich angelegen sein ließ, dem ersten Komödiendichter der Nation die Reverenz zu erweisen, die ihm gebührte, und Richelieu, gemeinsam mjjt Corneille, die Theater Dramaturgie revolutionierte; während in England Satiriker und Pamphletisten als respektierte Bürger die politische Praxis bestimmten, die Kanzel das progressive Schrifttum der Zeit bis ins letzte Kirchspiel hineinwirken ließ und Literatur so frei war, daß sie es sich leisten konnte, den im Theater anwesenden Premierminister auf der Bühne als Bettlerkönig an den Pranger zu stellen (das muß man sich einmal vorstellen!); während in den bürgerlichen Demokratien der Schriftsteller als klassenbewußter Anwalt der Bourgeoisie und, nach 1848, auch des Proletariats Partei ergriff; während Swift und Dikkens, Balzac und Stendhal sich nicht an einzelne Gebildete, sondern ans Publikum wandten und so die Affären der Nation mitbestimmten, war der deutsche Schriftsteller ausgesperrt und isoliert: ein Dichter, der versuchte, sich mit Hilfe absoluter Konzeptionen im Reich des Geistes für seine politische Ohnmacht schadlos zu halten. Als Paria zu leben und als Gott zu denken: dies bezeichnet exakt die Situation jener Poeten, die auf die Kunst verwiesen waren, weil ihnen das Forum versperrt blieb; aufs Theater, weil es die Tribüne nicht gab.

Schiller, der verhinderte Rhetor.

Goethe, von Entsetzen befallen, als man ihm bedeutete, er sei im Grunde zum Redner geboren: "Ober diese Eröffnung", heißt es in "Dichtung und Wahrheit", "erschrak ich nicht wenig; denn hätte sie wirklich Grund, so wäre, da ich bei meiner Nation nichts zu reden fand, alles übrige, was ich vornehmen wollte, leider ein verfehlter Beruf gewesen "

Und so machte man dann aus der Not eine Tugend. So priesen die Einflußlosen die private Idylle, den Segen der Kontemplation und den Trost der Bescheidung. So verlegten die Deklassierten, Lutherscher Tradition folgend, das Freiheitsreich in den Himmel — und die Folge war, daß (da es keine Vermittler, keine Satiriker, Rhetoren und Publizisten gab) der Bereich der Kultur und der Bezirk der Zivilisation, die Region der Kunst und die Region der sozial politischen Praxis immer weniger miteinander kommunizierten.

Nein, machen wir einander nichts vor. Es hat in unserem Land, von Lessing bis zu Heinrich Mann, von Forster bis Brecht zwar Literaten gegeben, die ihr Handwerk als ein politisches Handwerk verstanden; aber eine Tradition aufklärerischer, realitätsbestimmter und realitätsbestimmender Literatur gibt es nicht: Wenn wirs nicht wüßten, dann erfahren wirs jetzt — in einem Augenblick, wo, im Zeichen 1 des Neokonservatismus, Literatur wieder einmal auf "Dichtung" reduziert werden soll. Dichtung als Alibi, als Kulturausweis, als schöner Schein und holde Irrealität. Kunst, an der man sich ergötzen könne nach des Tages Last. Kunst, wie sie der Streichquartettspieler Heydrich verstand oder der Wachmann von Auschwitz, in dessen Wohnzimmer die Uta von Naumburg hing, neben dem Dürerschen Hasen. Das Gütezeichen der Poesie als Siegel einer Politik, die nicht gestört werden will. Dichtung als absicherndes Element einer Emanzipation verhindernden Praxis: diesem Versuch, uns in Dienst zu nehmen, muß unser Widerstand gelten.