Von Otto F. Beer

Wo unsere großen Dichter gelebt haben und wo sie gestorben sind, darüber informiert uns ein immer dichter werdendes Netz von Gedenktafeln. Wo aber ihre Helden gehaust haben, darüber erfahren wir für gewöhnlich sehr wenig. Gewiß werden wir niemals die Adresse des Doktor Faust herausfinden (obwohl dies eine Frage fürs Vormundschaftsgericht wäre). Um bei zeitnäheren Helden zu bleiben: wir wissen nicht, wo Hofmannsthals "Schwieriger" gehaust oder Schnitzlers Fräulein Else den Pelzmantel geöffnet hat. Dietmar Grieser, gebürtiger Hannoveraner, aber als Publizist in Wien tätig, hat schon vor zwei Jahren ein Büchlein vorgelegt, in dem er berühmte literarische Szenerien "Von Schloß Gripsholm bis zum River Kwai" aufsuchte. Nun greift er etwas kräftiger in die Saiten, indem er in einem ausführlicheren Band zugleich das Thema auf Österreich beschränkt –

Dietmar Grieser: "Schauplätze österreichischer Dichtung"; Langen Müller Verlag, München, 1974; 218 S., 22,– DM.

Da aber auch die Geographie nicht mehr ist, was sie einmal war, muß man dieses Österreich etwas über seine Grenzen hinaus dehnen. Viele dieser Schauplätze liegen heute weit außerhalb Österreichs, einige sind schwer oder gar nicht zugänglich. Zum Beispiel das Dorf Grodek bei Lemberg, berühmt geworden durch eines der erschütterndsten Gedichte Georg Trakls. Das Dorf bei Lemberg (Lwów) wird auf Intourist-Ausflügen nicht berührt; mehr als einen Blick aus dem Zug konnte der literarische Weltreisende nicht erhaschen. Wohl aber hat er jenes Hotel Savoy aufgespürt, in dem Joseph Roths Roman spielt: in Lodz, damals häßliche Grenzstadt, heute eine häßliche Industriesiedlung.

Horváth-Freunde dürften überrascht sein zu hören, daß sich die Szenerie seiner frühen Dramen im bayerischen Murnau immer noch besichtigen läßt. Sowohl das Hotel "Zur schönen Aussicht" als auch das Wirtshaus, in dem die braun-roten Saalschlachten der "Italienischen Nacht" stattfanden, existieren noch. Vom jungen Peter Altenberg wird eine kuriose Geschichte erzählt. Der Dichter, mit bürgerlichem Namen Richard Engländer, schwärmte in dem Donaudorf Altenberg für eine Minderjährige, die Bertha hieß, aber von ihren Brüdern Peter gerufen wurde. So wählte der literarische Kavalier Peter Altenberg zu seinem Pseudonym. Grieser fand heraus, was aus der damals Dreizehnjährigen geworden ist: Sie starb hochbetagt als "Tante Bertha" des heutigen Hausbesitzers, des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz, der in Altenberg mit Dohlen und Graugänsen redet. Aufsehen in Österreich wird Grieser verursachen, wenn er Stifters Rosenhaus, das man bei Kremsmünster den Fremden zeigt, in Berlin sucht: In Wilhelm von Humboldts Tegeler Haus sind, nach Grieser, die Spuren von Stifters "Nachsommer" zu finden! Diese Behauptung hat immerhin dazu geführt, daß ein österreichischer Verlag das Buch nicht gedruckt hat.

Die Szenerie von Musils "Grigia" im Fersental bei Trient bot Überraschungen. In den Bergen abgeschlossen hausen auf einer deutschen Sprachinsel (die nicht südtirolisch ist) die "Mocheni". Musil lernte sie kennen, als er in Bozen eine Frontzeitung herausgab. Eigennamen aus seiner Erzählung lassen sich noch heute auf vergessenen Bergfriedhöfen finden. Kafkas "Schloß" heißt Osek und steht auf tschechischem Boden. Der Literatourist hatte dort ähnliche Annäherungsschwierigkeiten wie der weiland Landvermesser Kafkas. Hingegen steht Doderers Strudlhofstiege für jedermann sichtbar in Wien, ist nur durch etliche häßliche Zubauten einigermaßen dezimiert.

Das Fürstenschloß Duino, in dem Rilke die "Duineser Elegien" schrieb, liegt nahe bei Triest. Der Dichter fühlte sich hier in seiner winterlichen Einsamkeit ungemein verlassen, weil "niemand da ist, mir einen Apfel zu schälen". Heute werden dort gewiß mehr Äpfel geschält, denn der Badestrand ist fest in der Hand sommerlicher Touristen. Der greise Fürst, der dort residiert, war damals "das einzige kleine Wesen, mit dem der kinderscheue Rilke umzugehen verstand".