Nicht aufgeben!

Der Philosoph Jean Améry im "Frühschoppen" auf Werner Höfers ultimative Bitte um eine persönliche Botschaft an die inhaftierten Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe

Merseburgers intellektuelles Gerede

Heftig attackiert haben CDU- sowie CDU/CSU-Kreise im Bundestag und im niedersächsischen Landtag die Berichterstattung der "Tagesschau" und einen Kommentar Peter Merseburgers über den Tod von Holger Meins und die Ermordung des Berliner Richters Günter von Drenkmann. In Hannover nannte Werner Remmers, Mitglied im NDR-Verwaltungsrat, Merseburgers Kommentar vom 11. November "leichtfertig". Im Bundestag empörte sich der Abgeordnete Friedrich Vogel, "daß wir das intellektuelle Gerede eines Herrn Merseburger endlich leid sind". Die "Tagesschau", der man offenbar inzwischen den Ausgewogenheits-Irrwitz in jedem einzelnen Beitrag abfordern will, hatte am 10. November das bekannte Horrorphoto von Meins und nur eine Erklärung seiner Anwälte gebracht, weil die Gegenseite (vom Bundesanwalt über den Gefängnisdirektor bis zum Arzt) eine Aussage verweigerte. Und Merseburger hatte den Berliner Mord ausdrücklich als "abscheuliche Tat" bezeichnet, als ein Beispiel dafür, "wie skrupellos fanatische Gesinnungstäter handeln", hatte andererseits gefordert, daß die Umstände des Todes von Meins der Klärung bedürften. Die Reaktionen von rechts, auch die gegen Höfers "Frühschoppen", geben seiner Prophezeiung recht: "Der brutale Mord an dem Berliner Richter von Drenkmann beschwört Alpträume von neuem Terror und öffentlicher Hysterie herauf."

Solschenizyns Herausforderung

Zum erstenmal seit seiner Ausweisung aus der Sowjetunion gab Alexander Solschenizyn am letzten Wochenende in seiner Zürcher Wohnung eine Pressekonferenz. Ihr Anlaß: die Vorstellung eines neuen Samisdat-Bandes ("Aus den Trümmern"), in dem sieben Essayisten sowjetische Vergangenheit und sowjetische Zukunft unter nichtmarxistischem Aspekt erörtern. Der Stalinismus, so Solschenizyn, sei keine bloße Perversion des Leninismus gewesen, sondern notwendig aus der leninistischen Ideologie hervorgegangen; schön Lenin sei von Marx abgewichen; und der Sozialismus selber sei ein seit der Antike auftauchendes abendländesches Denkmuster, das bei seiner staatlichen Verwirklichung in reiner Form gerade das Höchste des menschlichen Daseins vernichte: die Individualität. Was die Sowjetunion heute brauche, sei keine politische, sondern eine moralische Revolution: "Opfere dich selbst, vielleicht kommt dann die Gerechtigkeit." Und zu dem Offenen Brief, in dem Günter Grass ihn gefragt hatte, ob die neue Exil-Zeitschrift "Kontinent" sich ausgerechnet an den Springer-Verlag anlehnen mußte: "Kann man denn angesichts von 400 Millionen unterdrückter Menschen wählerisch sein im Finden eines Verlags? Wir haben nie den Henkern im Westen applaudiert, aber wir haben jetzt eine westliche Intelligenz, die seit fünfzig Jahren den unseren Beifall zollt..." Die westlichen Linken täten klug daran, die Herausforderung nicht abzutun und endlich mit aller ihrer Radikalität die Beziehungen zwischen Sozialismus und Terror zu durchleuchten.

Unesco kontra Israel

Mit bemerkenswertem Engagement wandten sich am Wochenende 31 französische Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler gegen die Desavouierung Israels ausgerechnet in einer internationalen Organisation, die (nicht zuletzt auf Anregung Frankreichs) gegründet worden ist, um dergleichen unmöglich zu machen: in der Unesco. Eine Kommission der UN-Sonderorganisation, die zur Zeit in Paris ihre Generalkonferenz abhält, hatte es Israel versagt, sich der europäischen Region anzuschließen. Daß die Gründe dafür nicht in der Geographie, sondern in der Politik zu finden sind, belegen zwei Hinweise: Erstens hat schon vor zwei Wochen ein Unesco-Ausschuß Israel als erstes Land verurteilt, weil es angeblich "anhaltend den historischen Charakter der Stadt Jerusalem verändert"; zweitens zählen zur europäischen Region von jeher auch Kanada und Australien. "Israel", so vermerkten mit bitterer Ironie die 31 Franzosen, unter denen man Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Raymond Aron und den Medizin-Nobelpreisträger François Jacob, Arthur Rubinstein, Denis de Rougemont, Nathalie Sarraute und Jean-Louis Barrault findet, "Israel hat nicht das Recht zu existieren, folglich existiert es nicht." Woraus sie schließen: "Die geistige Annullierung Israels rechtfertigt von vornherein seine physische Auslöschung." Sie protestieren dagegen mit der Weigerung, bei der Unesco mitzuarbeiten, wenn der Beschluß gegen Israel bestehenbleibt.