Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im November

Die Abgeordneten der Pariser Nationalversammlung wurden Zeugen einer makabren Demonstration. Ihr Kollege Bourson, von Beruf Arzt, baute auf der Rednertribüne des altehrwürdigen Palais Bourbon drei Gläser auf, die tote Embryos von drei, fünf und neun Wochen Alter enthielten. Die Absicht des wenig wählerischen Volksvertreters: er wollte seine Kollegen von einer großzügigen Regelung der Schwangerschaftsunterbrechung abhalten.

Die Straffreiheit für Abtreibung unter bestimmten Voraussetzungen wird heute in Frankreich fast genauso heftig diskutiert wie vor einiger Zeit in der Bundesrepublik. Nach langem Hin und Her will die Nationalversammlung noch in diesem Monat ein Gesetz diskutieren, das eine vor Monaten noch völlig undenkbare Neuerung bringen soll: die legale Unterbrechung der Schwangerschaft.

Jeden Tag, so schätzen französische Ärzte, werden mindestens 1000 illegale Abtreibungen vorgenommen. Vor einem Jahr sprach der damalige Gesundheitsminister Michel Poniatowski von 400 000 Abtreibungen im Jahr. Die engagierten Frauenrechtlerinnen von der MLAC (Bewegung für die Freigabe von Abtreibung und Empfängnisverhütung) nannten gar die Zahl 800 000. Doch nur eine von 1000 Abtreibungen wird nach dem Gesetz von 1920 angezeigt. Und verfolgt werden solche Delikte seit Giscards Amtsantritt überhaupt nicht mehr. Die Bestimmung von 1920 (in etwa dem deutschen Paragraphen 218 vergleichbar) verbot nicht nur die Schwangerschaftsunterbrechung, sondern auch die Empfängnisverhütung. Das hatte weniger moralische als demographische Gründe. Über Jahrzehnte hatte die französische Bevölkerung nicht zugenommen, der Erste Weltkrieg hatte gerade die jüngeren Jahrgänge dezimiert.

Verboten war zudem jede Propagierung einer sinnvollen Familienplanung. Sogar klinische Beratung auf diesem Gebiet wurde untersagt. Empfängnisverhütungsmittel durften nur für medizinische Zwecke verkauft werden. Und auf Abtreibung steht im Prinzip seit nunmehr über 50 Jahren eine Gefängnisstrafe bis zu zehn Jahren. Einzige Ausnahme: die Gefährdung des Lebens der Mutter.

Nur langsam lockerte der Staat den Griff auf den Intimbereich seiner Bürger. Mitte der fünfziger Jahre starteten Frauenrechtlerinnen die ersten massiven Angriffe, François Mitterrand nahm 1966 die Abschaffung des Gesetzes von 1920 in sein Wahlprogramm auf. Doch er unterlag bei den Präsidentschaftswahlen seinem Konkurrenten Charles de Gaulle. Und der General wollte von einer Liberalisierung aus religiöser Überzeugung nichts wissen. Immerhin stammt von ihm der bezeichnende Ausspruch: "Wenn die Sozialversicherung die Pille bezahlen würde, dann müßte sie das auch bei Autos tun, denn beides ist ein Zeitvertreib."