Wenn sich China erhebt, erzittert die Welt." Dieses bombastische Wort stammt von Napoleon und ist nun Titel einer Neuerscheinung geworden:

Alain Peyrefitte: "Wenn sich China erhebt ...erzittert die Welt"; übersetzt aus dem Französischen von Zita Maria Storck und Margarete Venjakob; Paul Zsolnay Verlag, Wien und Hamburg 1974; 575 Seiten mit 28 Abbildungen und 3 Karten; 34,– DM.

Als dieses Buch erschien, "erzitterte" Frankreich, denn es erreichte bald eine Auflage von einer halben Million Exemplaren. Wie die mit Medaillen bedeckte Jacke eines sowjetischen Marschalls, so ist der Werbeumschlag des vorliegenden Bandes mit den Prädikaten namhafter französischer Rezensenten bedeckt.

Trotz allem: die deutsche Ausgabe des Superbestsellers ist leider schon jetzt überholt. Wohl nicht von ungefähr wird darin der genaue Zeitpunkt, insbesondere das Jahr der Reise des Autors möglichst verschwiegen. Hier eine Klarstellung: Bei dem immer wieder erwähnten "einen Sommer", den der Autor in China verbracht haben soll, handelt es sich um die letzten drei Wochen des Monats Juli 1971. Seitdem ist auf dem deutschen Buchmarkt eine Reihe von aktuelleren China-Reportagen erschienen. Peyrefitte bezeichnet sein Buch als "halb Reportage, halb Studie". In Wirklichkeit ist das fast 600 Seiten umfassende Werk als Reportage zuwenig anschaulich, als Studie wiederum zu dilettantisch geschrieben.

Der Politiker Peyrefitte schreibt, daß es in der "neuen Verfassung" heiße: "Die Volksrepublik China wird von Mao Tse-tung geführt. Das Denken Mao Tse-tungs ist das oberste Prinzip bei allen unseren Arbeiten." Nun gibt es allerdings immer noch keine "neue Verfassung", sondern nur Gerüchte über deren Entwurf. Laut jüngsten Gerüchten soll der zweite Satz auch noch gestrichen worden sein.

Das Buch wimmelt von religiösen und psychoanalytischen Analogien. So wird Mao als "der Große Akupunkteur" charakterisiert und "das chinesische Modell" "dem Wesen nach" als "religiös" behandelt. Der Anthropologe Peyrefitte spricht sogar von der "prälogischen Mentalität" der Chinesen. In dem letzten aktualisierenden Kapitel bescheinigt Peyrefitte dem jüngsten China-Film von Michelangelo Antonioni, daß er die Abendländer immerhin dazu bringe, "die Chinesen zu lieben, obwohl er so unchinesisch sei". In dem Film sei jedoch nur die Vision eines großen Künstlers subjektiv verwirklicht worden. Die chinesische Empörung über den Film, "die so aufschlußreich ist wie das Ergebnis einer Psychoanalyse", sei im Grunde "zu erwarten" gewesen: "Es ist sicherlich sehr schwer, China Nicht-Chinesen verständlich zu machen, ohne die Chinesen zu verärgern, wenn man nicht selbst Chinese ist."

Nun sollte sich der Autor nicht wundern, wenn er mancherorts in den Ruf gerät, ein literarischer Antonioni zu sein. M. Y. Cho