Von Gertrud Mander

Let’s pretend", laßt uns so tun als ob, ist die Zauberformel aller auf Phantasie gegründeten englischen Kinderspiele. Sie ist auch Leitmotiv der "Alice"-Bücher des Oxforder Mathematikers C. L. Dodgson alias Lewis Carroll, mit denen die etwas fragwürdig benannte Gattung der englischen Unsinnliteratur ihren Anfang nimmt. Das vielfältige So-Tun-Als-Ob darin hat die seltsamen und schwierig zu interpretierenden Bücher und alles, was ihr exzentrischer Autor sonst noch hinterließ an Briefen, mathematischlogischen Rätseln und Paradoxen, an Photographien von kostümierten kleinen Mädchen und an trockenen wissenschaftlichen Abhandlungen zu einer Fundgrube für Exegeten aller kritischen Richtungen gemacht. Die umfangreiche Carroll-Literatur fächert sich in ein breites Spektrum allegorischer, marxistisch-sozialkritischer, linguistisch-philosophischer und psychiatrischer Analysen auf, und ein Ende ist nicht abzusehen, zumal da sich die Carroll-Faszination durch das wachsende Interesse für Victoriana noch steigert.

Mit Klaus Reicherts Dissertation fügt sich nun ein deutsches Glied in die lange Kette angelsächsischer Textanalysen –

Klaus Reichert: "Lewis Carroll – Studien zum literarischen Unsinn"; Reihe Hanser, 165, Carl Hanser Verlag München, 1974; 216 S., 14,80 DM.

Die Arbeit entscheidet sich, nach einem einleitenden Überblick aller bisherigen Interpretationsansätze, für den psychoanalytischen als den methodischen Ansatz, der diesem Thema am besten entspricht. Die Arbeit erklärt den sogenannten Unsinn Carrolls aus seiner Persönlichkeitsstruktur, im wesentlichen aus Dodgsons zwangsneurotischer Kindheitsfixierung. Gelegentlich wird aber auch auf zeitspezifische Ursachen Bezug genommen, etwa auf die doppelte Moral der Viktorianer oder ihre repressiven Erziehungsmethoden. Manchmal wird auch einfach, und gewiß zu Recht, die marxistische Formel von der Entfremdung gebraucht, dann jedoch analytisch leider nicht weiterverfolgt.

Die Pauschaldefinition des Carrollschen Unsinns als Sprache des Unbewußten leuchtet schon ein – bei all den absichtlich nominalistischen, bewußt "gemachten" Aspekten der Geschichten und Gedichte des in Paradoxien und in Wortspiele verliebten Mathematikprofessors. Die Definition beglaubigt durch ausführliche Belege der neurotischen Ich-Spaltung in Dodgson und Carroll, in Kind und Erwachsenen, in Rationalist und Fabulierer, durch Aufdeckung der Identitäts- und Sprachunsicherheit, der pathologischen Kontakt- und Kommunikationsschwierigkeiten des berühmten Kinderbuchautors mit Erwachsenen-Appeal. Im mosaikhaften Fortschreiten der psychoanalytischen Interpretationsübungen enthüllt sich die irre, phantastische, von Alptraum, Wiederholungszwang, Selbstzensur, Aggressivität und Selbstverneinung geplagte Natur dieses scheuen Stotterers, der für seine wahren Freundschaften auf kleine Mädchen an Badestränden angewiesen war und der ein Doppelleben führte, wobei es wundert, daß Reichert die Stevensonsche homo-duplex-Geschichte von Jekyll und Hyde nie erwähnt. Viele bisher dunkel gebliebene Textstellen, viele sprachliche Einzelheiten und episodische Eigenheiten ergeben auf einmal Sinn, wenn sie im Lichte der Traumtheorie und Tiefenpsychologie betrachtet werden.

Im So-Tun-Als-Ob dieser verkehrten Welt von Kaninchenbau und Spiegel, in den Sprachspielereien der Alice-Geschichten und der parodistischen Gedichte, in den kuriosen tierischen und menschlichen Gestalten, denen Alice begegnet, in den seltsamen, beängstigenden Situationen, die sie nie aus der Fassung bringen und natürlich auch in dem zwischen Kind und Erwachsensein schillernden Charakter der kleinen Alice selbst findet Reichert vielfältige Spiegelungen der komplexen Ich-Problematik des Autors. Carroll betrieb das Geschichtenerzählen und Ausknobeln von vertrackten Rätseln offenbar weniger als direkt therapeutische Tätigkeit, vielmehr getrieben von seiner zwangsneurotischen Veranlagung, die ihn zur periodischen Regression in Kindheit und in Stadien kindlicher Geisteshaltungen zurückstieß – ein Tagträumer, ein in Alpträumen und im So-Tun-Als-Ob Befangener, der Wirklichkeit Entfremdeter, der gleichwohl die Anstrengungen einer Professur und viktorianischer Respektabilität zu leisten vermochte.