Die Briten sind schockiert über eine schonungslose Analyse

Von Wilfried Kratz

Edmund Stillman und seine Gehilfen warfen prüfende Blicke auf das schmutzige Wasser des durch Newcastle fließenden Tyne. Sie zählten die Kräne im Hafen von Bristol und die Rolls-Royce-Limousinen im Londoner Westend. Sie durchstreiften wallisische Bergarbeiterdörfer und die Londoner City. Sie sprachen mit Wirtschaftsplanern und Finanzleuten, Industriellen und Politikern – und dann zeichneten sie ein Bild vom Zustand der britischen Insel und ihrer Zukunft, das die englische Öffentlichkeit empörte und schockierte.

Was der Direktor und die vier Mitarbeiter des in Paris ansässigen europäischen Ablegers des amerikanischen Hudson-Instituts abschließend auf den 126 Seiten ihres Berichts über wirtschaftliche Lage und Aussichten des Inselreichs und den Gemütszustand seiner 55 Millionen Bewohner vorlegten, erschien der Londoner Times beim ersten Studium "lang an kontroversen Behauptungen, aber schmerzlich kurz an originärer Analyse". Auf den zweiten Blick entdeckte das Blatt dann "einige scharfe und unangenehme Beobachtungen: Wir sind eine selbstzufriedene, immer provinzieller werdende, klassenbestimmte Gesellschaft".

Nachdem es Stillman trotz eifriger Bemühungen nicht gelungen war, in London einen regierungsamtlichen Auftrag zur Durchleuchtung des Vereinigten Königreichs zu bekommen, hatten sich die Hudson-Fünf (eine Französin, zwei Amerikaner, ein Holländer und ein Engländer) auf Kosten des Instituts aufgemacht, den Briten den Puls zu fühlen und ihnen eine Prognose zu stellen. Die Patienten, so lautete die Diagnose, wissen oder wollen nicht wissen, wie weit ihre Krankheit fortgeschritten sei. Wenn sie nicht bald aus ihrer Illusion aufwachen und Abwehrkräfte mobilisieren, sei der Exitus unvermeidlich.

Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme Großbritanniens, so befanden die Autoren, "stammen letztlich von einer gewissen Altertümlichkeit in Gesellschaft und nationaler. Psychologie: Persönlichkeit in sozialen und persönlichen Beziehungen um ihrer selbst willen, Mangel an Angriffslust, Hinnahme des Bestehenden, Flucht in vorindustrielle, ja, vorkapitalistische Gedankenflüge, Mißtrauen gegenüber der Leistungsfähigkeit, gegenüber der Arbeit im besonderen. Begleitet wird all dies von einer tiefsitzenden Wut über die Frustration und Verwirrung, die das heutige Großbritannien seinen Bürgern bereitet, und von einem ebenso auffallenden Neid hinsichtlich der materiellen Güter, die andere – Amerikaner, Belgier, Deutsche, Franzosen – haben".

Niedrige Investitionen, geringe Produktivität, die unzureichende Umsetzung von Erfindungen in verwertbare Produkte und die Verschwendung von Talenten in die "oft unproduktiven Tätigkeiten der City", die Scheu der Kapitalanlage an inländischen Fabriken und Maschinen – das sind nach dem Hudson-Bericht zusammen mit Verhaltensfaktoren die Hauptgründe für die britische Misere.