Max Raphael: "Theorie des geistigen Schaffens"

Von Fritz J. Raddatz

Stroh statt Brot. Die Enttäuschung über diese Publikation –

Max Raphael: "Theorie des geistigen Schaffens auf marxistischer Grundlage"; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1974; 193 S., 16,80 DM

ist doppelt: Der inhaltlichen Dürre hält die unsägliche Verlegerschlamperei die Waage.

Max Raphaels Text basiert auf seinem 1934 in Paris bei den Editions Excelsior erschienenem Buch "Zur Erkenntnistheorie der konkreten Dialektik". Es war die umfassendste Studie des damals fünfundvierzigjährigen Emigranten; es sollte die Summe ziehen aus einer immer intensiveren Beschäftigung mit dem Marxismus. Die früheren Veröffentlichungen des Berliner Volkshochschullehrers, dem die akademische Laufbahn versagt blieb, weil Wölfflin es ablehnte, eine Dissertation über Picasso auch nur zu lesen, waren Wegmarken seines Bildungsganges: "Von Monet zu Picasso – Grundzüge einer Ästhetik und Entwicklung der modernen Malerei" (1913); "Idee und Gestalt – Ein Führer zum Wesen der Kunst" (1921); "Der dorische Tempel, dargestellt am Poseidon-Tempel zu Paestum" (1930). Der Schüler von Wölfflin und Georg Simmel (bei dem auch Lukács studierte), von Lujo Brentano und Henri Bergson, der Freund Pechsteins und Rodins näherte sich erst spät materialistischen Denkkategorien. Seine wichtigste erste Veröffentlichung zu diesem Thema war der 1932 in den "Philosophischen Heften" gedruckte Aufsatz "Zur Kunsttheorie des dialektischen Materialismus" – der den distanziert-aufmerksamen Vorspruch des Herausgebers provozierte: "Max Raphael ist wie kein anderer dazu legitimiert, uns die Basis einer sachlichen Diskussion zu geben, die dazu dienen soll, in einer späteren Publikation dieser Zeitschrift das Gegenteil des historischen Materialismus: die primäre geschichtliche Bestimmungskraft geistiger Werte zu beweisen." Dieser Text führt auf exemplarische. Weise Raphaels Fragestellung vor wie die Widersprüchlichkeit seines Antwortversuchs. Der Hauptwiderspruch wird in der Titelverschiebung des vorliegenden Buches deutlich – Elemente einer Erkenntnistheorie liefert Raphael durchaus, eine materialistische Theorie des geistigen Schaffens keineswegs.

Schon der frühe Aufsatz reduziert den Vorgang geistiger und künstlerischer Produktion auf die Rezeption; nicht Agens, sondern Reagens. Fast alles, was Max Raphael als notwendig zu berücksichtigende Elemente der Genesis eines Kunstwerks anführt – ökonomische, historische, politische Strukturen, kurz: gesellschaftliche – zeugt von hoher analytischer Intelligenz, die mit fundierter Bildung argumentiert. Fast alles – denn einer seiner Kernsätze zeigt bereits eine bestimmte kategoriale Unsicherheit: "Wenn man feststellt, daß die protestantischen Landesfürsten Deutschlands und der Protestantismus als herrschende Klasse und Ideologie Künstler bevorzugt haben, deren einseitige Expression in Manierismus endete (während der komplexe und normative Dürer nur gelegentlich herangezogen wurde); daß dagegen schon vorher italienische Stadtfürsten sich an einen Leonardo hielten – ist damit nicht der sporadische Charakter protestantischer und norddeutsch-landesfürstlicher Kunstverbundenheit gleich am Anfang vollständig bloßgelegt? Und wenn man feststellt, daß das Papsttum eben diesen skeptisch-mystischen, normativen, komplexen Leonardo verschmähte, sich dagegen an den monomanen Michelangelo hielt, der von der Sache und der Norm zur Expression sich entwickelte, oder an den geschmäcklerisch-schönen Raffael – ist damit nicht schon der Schein in der liberalen und weltfreudigen Geste des Medicäers enthüllt, das wahre Kräfteverhältnis zwischen der Person des Papstes und der Institution der Kirche und die reaktionäre Tendenz des Katholizismus?"

Die Crux ist offenbar:/Was heißt "sporadisch, normativ, komplex, monoman" in diesem Zusammenhang? Raphael setzt eine Begriffsapparatur ein, die weder abgesichert noch erläutert ist. Was kein "stilistisches" Problem ist, vielmehr eines des analytischen Prozesses: Im selben Kontext finden sich auch die Begriffe "Werthöhe" und "Intensität".

Hier nun hätte zu beginnen, wer ästhetische Kategorien neu überdenken will. Raphael hört hier auf. Er nennt bestimmte Kunstwerke (etwa die Kathedrale von Chartres) "bedeutender" als andere – ohne auszuweisen, worin ihre (gar überragende) Bedeutung liegt. Er bleibt bei wertindifferenten Urteilen – was er ehrlicherweise sieht und sagt: Das müsse späteren, ausführlicheren Abhandlungen überlassen werden.

Auf der Begriffswippe

Die liegt hier nun vor und liefert eben das nicht. Max Raphael hat in seiner Untersuchung, deren Sprache spröde bis dürr ist, nicht viel mehr geleistet als eine voluminös-gebildete Interpretation bestimmter, von Marx und Engels gelieferter Standards: daß "Zeit" – also gesellschaftliche Realität in ihrer komplexen Form – jegliches Kunstwerk prägt, ja nahezu produziert. Gut. Aber, mit Brecht zu sprechen, das – wenn nicht Autarke, so doch – Autonome der Kunst ist damit auch nicht ansatzweise begriffen. Hans-Dietrich Sander hat in seinem brillanten Essay über Max Raphael die klassische Formulierung gefunden: "Mit dem Einbruch der Zeit in das Spiel hat man das Spiel noch nicht." Eben das quäle, nach dem zu fragen ist, der eigene Raum, die Existenz sui generis des Kunstwerks bleibt unerschlossen. Raphael erörtert den berühmten Marx’schen Fragesatz aus den "Grundrissen", warum ein bestimmtes Kunstwerk (die "Ilias") seine eigenen materiellen Bedingungen überdauert, "ewigen Reiz" haben kann – aber er verlängert lediglich die Frage durch Bildungsgeranke und kommentierendes Beiwerk; Antwort gibt er nicht.

Das Buch besteht gleichsam aus drei Ebenen: der immer wieder formulierten Aufgabenstellung ("unsere Aufgabe ist jetzt klar erkenntlich"); dem exegetischen Zitieren vor allem später Engels-Briefe, in denen er sich mehr und mehr kritisch gegenüber früher geleisteten monokausalen Ableitungen zeigte ("wir haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen vermittelter Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen zustande kommen"); das dritte Element gleicht einer Begriffswippe, in der Dialektik zur Sophisterei verkommt: "Was speziell die Irrationalität des Unbewußten und Unterbewußten angeht (das psychisch Irrationale als die sinnlichste Form des religiös Irrationalen), so leugnet der Marxismus nicht die Existenz dieser Tatsache; er verwahrt sich aber dagegen: daß man ihre erste Ursache woanders suchen dürfe als in einer materiellen Produktionsweise der Gesellschaft, die der objektiven Wirklichkeit der Außenwelt gegenüber noch ungenügend ist, und in der sozialen Rolle, die sie einzelnen Klassen und den angehörenden Menschen zuschreibt

Nicht wachgeküßt

Max Raphael löst das immer wieder versucherisch gegebene Versprechen nicht ein. Hinter der (sehr) dornigen Vokabularen Hecke liegt gar keine Jungfrau. Und so wird auch nicht wachgeküßt.

Der so provokanten wie schlüssigen Frage, die Günter Kunert kürzlich setzte: "Weswegen die Ode, wenn sie bloß eine Anweisung zur Solidarität enthält; dann doch lieber gleich die Anweisung" entzieht sich Raphael. Keines seiner Beispiele stimmt – Naturgefühl hat sich nicht geändert seit Gorkis "Feinden" bis zu Bretons "Nadja" – aber die Kunstformen offensichtlich; Flaubert, Fontane, Henry James: drei sehr unterschiedliche formale Angänge in einer Zeit, also als Produkt derselben gesellschaftlichen Verhältnisse. Das verstörend Unbefriedigende, gleichzeitig Erratische wie Löchrige dieser Abhandlung verdankt sich einer Eigentümlichkeit: Sie ist selber gänzlich unhistorisch. Max Raphael hat sich künstlich aus jedem Diskussionszusammenhang begeben; er hat gleichzeitige Resultate seiner Wissenschaft nicht zur Kenntnis genommen: Bloch oder Korsch, Benjamin oder Lukács existieren nicht.

Hier nun muß ein Wort gestattet sein zur Unverantwortlichkeit der Edition.

Fraglich ist bereits, ob die lang überfällige Publikation der Schriften Max Raphaels ausgerechnet mit diesem Buch beginnen mußte, das ja erst vor anderthalb Jahren unter dem Originaltitel der Pariser Ausgabe "Zur Erkenntnistheorie der konkreten Dialektik" im Verlag "Neue Kritik" in Frankfurt am Main erschienen ist.

Da dies aber ein kommentarloser Faksimiledruck gewesen ist, bleibt unverständlich, wieso dieser Ausgabe nun nicht ein großer informierender wie analytischer Aufsatz beigegeben wurde. Hans-Dietrich Sander wäre der ideale Herausgeber der Max-Raphael-Ausgabe gewesen und hätte sicherlich nicht nur eine theoretische Standortbestimmung geliefert, sondern auch einen sorgfältigen Editionsplan. Auf beides verzichtet diese Ausgabe leider. Statt dessen erwähnt ein Nebensatz im Klappentext zwei weitere Titel Raphaels, die publiziert werden sollen; statt dessen hat man entbehrliche Nachbemerkungen von Joachim Schumacher und Claude Schaefer, zwei Zeitgenossen Raphaels, aufgenommen. Die satztechnische Aufmachung des Buches, eine Mischung aus Biologielehrbuch und Buchhalterkladde, dient allenfalls zur Verwirrung des Lesers. Und dem, was man heute wohl Rationalisierung und Verschlankung zu nennen sich angewöhnt hat, fiel genau das zum Opfer, was für ein Buch dieser Kategorie unerläßlich ist: ein Index. Den gibt es nicht, dafür aber sieben Seiten Reklame.