Von Jakob Vollmar

Die Schneemauern beiderseits der Paßstraße türmen sich immer höher. Bleiben wir doch noch stecken? Der Straßenzustandsbericht des ADAC erwähnt bisher den Predil-Paß nicht. Aber Einheimische haben uns unten in Tarvisio versichert: Nur bei sehr starkem Schneefall sei die Straße vorübergehend geschlossen, sonst den ganzen Winter über befahrbar.

Auf der Paßhöhe (1156 m) dauert es eine ganze Weile, bis der italienische Zöllner umständlich die Papiere geprüft hat und den Schlagbaum öffnet. Der jugoslawische Kollege am nächsten Schlagbaum läßt sich ebensoviel Zeit. Sehr häufig scheinen Autos nicht ihre Amtsruhe zu stören.

In vielen Windungen fällt die Straße in südlicher Richtung ab. Sechs Stunden nachdem wir München verlassen hatten, erreichen wir Bovec, das neue Ziel für den Skiurlaub in Jugoslawien.

Bauernhäuser, Hütten, kleine Privatpensionen mit abblätterndem Putz, eine trübselige Straßenbeleuchtung – daß hier eine Skistation nach französischem Vorbild entstehen soll, erscheint auf den ersten Blick als Utopie. Aber dann plötzlich helles Licht mitten in der Nacht: das Alp-Hotel. Gleich daneben das größere 250-Betten-Hotel Kanin mit einem wuchtigen, rustikalalpinen Dach. 1972 erhielt das Hotel für seine musterhafte, landschaftsbezogene Architektur und gute Innenausstattung den ersten Preis in einem gesamtjugoslawischen Wettbewerb.

Bovec hat eine bewegte Geschichte. Im Ersten Weltkrieg tobten oberhalb des Dorfes im Kanin-Gebirge, wo nun das neue Skiparadies entsteht, zwischen österreichischen und italienischen Gebirgstruppen erbitterte Kämpfe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zunächst der von Italien verwalteten Triester Zone B einverleibt. Dann kam es endgültig zu Jugoslawien. 1965 sollte das ganze weite Tal, in dem Bovec (460 m) liegt, mit einem Stausee aufgefüllt werden. Die Bevölkerung protestierte mit Erfolg.

Außer in der kärglichen Landwirtschaft gibt es hier keine Arbeitsplätze. Da entstand der Gedanke, den Fremdenverkehr anzukurbeln. Bovec war schon immer ein beliebtes Urlaubsziel der Bergsteiger. Die slowenische Regierung sagte Hilfe zu. Das Gebiet um Bovec, durch Krieg und Besetzung ausgeblutet und durch Auswanderung nach USA entvölkert galt als das ärmste der Republik.