Was ist eine Edition? Das Fremdwörterlexikon sagt lapidar: Herausgabe, Ausgabe eines Buches. Mit der Bezeichnung Edition kann man also Bücher kaum voneinander scheiden; alle sind sie Editionen. Nur: "Edition Loewes" klingt vielversprechender als schlicht Bücher aus dem Loewes Verlag. Es deutet auch an: Dies ist anders gemeint als jene Bücher, die wir seit Jahrzehnten edieren. In der Vorankündigung hieß es: "Die Autoren der Edition Loewes nehmen ihre Leser ernst. Sie wollen keine verfälschte Wirklichkeit darstellen, sondern zum Fragen und Verändern auffordern. Sie helfen, sich in unserer Welt zurechtzufinden, informieren und unterhalten."

Sollten das etwa nicht alle Autoren tun? Haben das – unter anderen – Comenius und Dickens, Kistner und Storm nicht getan? Oder ist das den vier Titeln der neuen Reihe in besonderem Maße gelungen?

"Ringelblumen" von Curt Mühlenhaupt "Mit einer ganzen Schar ausgesuchter Männer ging er zu den beiden durchtriebenen Webern hin, die nun aus allen Kräften woben, aber ohne Faser oder Faden."

"Des Kaisers neue Kleider", von Andersen/Paleček; Nord-Süd, Mönchaltorf/Hamburg; 32 S., 13,80 DM

"Für die, die sich auf ihre eigenen Augen verlassen", heißt es in der Widmung. Märchen sind wieder modern, vor allem exotische und unkonventionelle Illustrationen drängen sich vor. Hier ist es bei kindlichem Strich und Pastelltönen geblieben, allerdings mit etwas distanzierendem Humor in den Details – sie sind zumindest Anlaß, über die Fabel hinaus ein bißchen über aktuelle Nutzanwendungen nachzudenken.

(127 S.) sind die Kindheitserinnerungen eines Mannes an das alte Berlin aus der Vor-Nazizeit bis in diese hinein, an Armut und Feste in der Tempelhofer Laube. Schöne, kernige Geschichten, an denen Kinder und Eltern ihren hintergründigen Spaß haben können, vom Autor selbst illustriert, wobei man sich sicher darüber streiten mag, ob er überhaupt zeichnen kann oder ob Sonntagsmalerei so modern ist, daß es auf Bildqualität überhaupt nicht mehr ankommt.

Der zweite Titel bietet eine russische Kindheit auf der Krim, etwa zur gleichen Zeit – Nikolai Dubow: "Das Zelt am Meer" (127 S.). Das ist Armut, Schmutz, Primitivität, Trunksucht und die Verzweiflung des Feriengastes aus Moskau, den Kampf gegen diese in Gleichgültigkeit und Grausamkeit erstarrten Mechanismen jemals zu gewinnen. Einer, der Junge, der Held der Geschichte, versteht, daß dieser Kampf aufgegriffen werden muß, nicht als Flucht in Sauberkeit und Ordnung, sondern als Arbeit und Hilfe für die, die sich noch dumpf und blind zu betäuben suchen, Ein Entwicklungsroman von dichterischer Zeitlosigkeit, die auch den jungen Leser ergreifen kann, vor allem, wenn er in der letzten Zeit zu viel von dem hat lesen müssen, das den beiden letzten Titeln gleicht.