Bremen

Es handele sich um drei prächtige Menschen, sagte Verteidiger Hans Möring. Zwei der drei Prächtigen müssen nun lebenslang hinter Gitter. Nach Ansicht des Bremer Schwurgerichts sind sie Mörder. Einer kam als Mordgehilfe mit nur vier Jahren davon. Der vom Vorsitzenden Richter Crome straff geführte Prozeß um die Untat im Roten Meer vom 13. März 1974 ging in der vergangenen Woche in der Hansestadt zu Ende (siehe ZEIT Nr. 46 v. 8. 11. 1974). Zwei der drei nicht vorbestraften Angeklagten, der 42 Jahre alte Erste Offizier Hartung und der 33 Jahre alte Bootsmann Eggers müssen dafür, daß sie einen farbigen blinden Passagier an Bord des Frachters "Margitta" zusammengeschlagen und ins Rote Meer geworfen hatten, mit Höchststrafen büßen.

Der Mordparagraph 211 bereitet Juristen schlaflose Nächte. In Bremen wurde dies einmal mehr deutlich. Für Mord gibt es nach unserer Rechtssprechung kein abgestuftes Strafmaß; Mord bedeutet lebenslänglich, auch wenn die Angeklagten bis zur Tatzeit unbescholten und "prächtig" waren, auch wenn sie ihre Tat verzweifelt bereuen.

Ob das offensichtliche Gutachterdilemma der Verteidigung in diesem Fall einen Revisionsgrund bietet, steht noch dahin. Das erste und zunächst einzige Gutachten eines Psychiaters aus Bremerhaven hatte über die Psyche der Angeklagten, über Tatmotive, Trinkgewohnheiten und über mögliche Zusammenhänge zwischen Tat und Tatort "Schiff" nicht mehr zutage gefördert als jeder Prozeßbeobachter nach der Beweisaufnahme wußte. Hatte es sich der Gutachter bei seiner Erforschung zu einfach gemacht, weil es sich um geständige Angeklagte handelte? Als ein zweiter Gutachter auf Antrag des Verteidigers Herwarth von Döllen zugezogen wurde, da schipperte zum Beispiel ein wichtiger Zeuge, "Margitta"-Kapitän Anders, längst wieder auf hoher See. Auch der zweite Gutachter mußte sich mit seiner Exploration beeilen, sonst wäre der Prozeß geplatzt. Und er beeilte sich. Rechtsanwalt von Döllen verlangte nach einem Obergutachten, das wurde abgelehnt.

Das Schwurgericht – drei Berufsrichter, sechs Laien – hat nichts leicht genommen. Aber die Sache war wohl doch zu schwer. Rassismus und übergroßer Ehrgeiz wurden als Motiv verneint. Eine Gruppentat war es nicht. Der Alkoholkonsum spielte keine entscheidende Rolle. Warum also Mord begangen von zwei Normalbürgern? Daß man es nicht herausfand, macht diesen Prozeß um einen namenlosen Toten nach dem Urteil vollends trostlos. Lilo Weinsheimer