Von Fritz Pasierbsky

Chinas Lehren dienen als Substanz, die Lehren des Westens zum praktischen Gebrauch" – unter diese Losung stellte der chinesische General und Politiker Chang Chih-tung Ende des verigen Jahrhunderts den geistigen Umbruch, den China in der Zerfallsperiode der Ch’ing-Dynastie (1644–1911) erlebte.

Westliches Denken war für eine Modernisierung Chinas unentbehrlich geworden; dies war ein Resultat der Konfrontation Chinas mit den westlichen Mächten und änderte fortan Chinas Haltung gegenüber dem Westen von Grund auf.

Die westlichen Mächte hatten in Wissenschaft, Technik und vor allem auf militärischem Gebiet China ihre Überlegenheit demonstriert und das Land zur Annahme der "Ungleichen Verträge" gezwungen, in denen China folgenschwere wirtschaftliche und politische Zugeständnisse machen mußte. Chinas Selbstverständnis, "Reich der Mitte" und für andere Völker Kulturbringer zu sein, zerbrach. Selbst in der am Konfuzianismus ausgerichteten Beamtenschaft, seit nahezu zweitausend Jahren Gralshüter des bestehenden Staatssystems, machten sich Zweifel breit an der Lebensfähigkeit dieses Systems, das der Schwierigkeiten in Gesellschaft und Staat offensichtlich nicht mehr Herr werden und Unruhen in der Landbevölkerung nur noch mit ausländischer Truppenhilfe unterdrücken konnte. Viele gewannen die Überzeugung, daß die bisherige, durch ein starres Erziehungssystem eingeübte geistige Haltung, nämlich das Heil für alle Unbill der Zeit in den weisen Schriften des Altertums zu suchen, für die wirtschaftliche und politische Modernisierung Chinas nun nicht mehr ausreichte.

Der hier einsetzende tiefgreifende geistige Umbruch wurde zu einem Aufbruch in die Zukunft. Es begann der Kampf um eine neue gesellschaftliche Ordnung für China, die in der Substanz zwar die Werte des eigenen kulturellen Erbes behalten, zusätzlich aber die Vorzüge der materiellen Kultur westlicher Industrieländer, vor allem ihre Technologie und ihre wissenschaftlichen Kenntnisse, besitzen sollte.

Aufklärung plus Buddhismus

Unter den Entwürfen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung haben besonders die Ideen des Politikers und Reformers K’ang Yu-wei (1858–1927) historische Bedeutung erlangt. Die Hauptgedanken seiner Gesellschaftstheorie sind in einem umfassenden Werk niedergelegt, das – bereits 1902 vollendet, aber erst 1935 voll veröffentlicht – jetzt auszugsweise erstmals in deutscher Sprache vorliegt –