Natürlich haben wir alle von der Großen Proletarischen Kulturrevolution gehört. Auch manchem bei uns klangen diese Worte erhebend und vorbildhaft, klingen so vielleicht noch immer. War es nicht, beispielsweise, vollauf gerechtfertigt und nachahmenswert, wenn im immer noch konfuzianisch autoritätsgläubigen China endlich Lehrer und Gelehrte von ihren allzu hohen Sockeln herunter mußten?

Es zeigt sich, daß wir bisher gar nichts wußten. Was es mit dieser Bewegung, diesem Kinderkreuzzug, eigentlich auf sich hatte, ist erst jetzt im Augenzeugenbericht eines Beteiligten anschaulich nachzulesen. Diese Lebensgeschichte eines Sechzehn-, Siebzehnjährigen ist so ungewöhnlich, daß sie vielleicht als chinesischer Grimmelshausen unserer Tage in die Weltliteratur eingehen wird, bestimmt aber als ein maoistischer Wolfgang Leonhard in die Geschichtsbücher – eine Schilderung kurzen Rausches und ernüchterten Abschieds von der Revolution:

Ken Ling, Miriam London und Li Tai-ling: "Maos Kleiner General. Die Geschichte des Rotgardisten Ken Ling"; Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1974; 534 Seiten, 12,80 DM

Es geht um die Erlebnisse eines Schülers, eines begabten, ehrgeizigen Jungen aus bürgerlichem, christlichem Hause, der in Amoy die achte Oberschule besuchte. Ihr Rektor war ein offenbar sehr tüchtiger und allseits, gerade auch in der Partei, angesehener Mann, weil seine Schule es dahin gebracht hatte, zusammen mit zwei anderen Schulen achtzig Prozent der Studenten an der Universität von Fukien zu stellen.

Als die Jugendbewegung Maos 1966 Amoy erreichte, war Ken Ling zunächst distanziert, auch furchtsam. Entsetzt erlebte er die Folterungen der Lehrer durch Mitschüler, leistungsschwache Kinder von Parteikadern und Militärs: "Der Eimer am Halse des Rektors war so schwer, daß der Draht tief ins Fleisch schnitt... Er fiel, schwer atmend, den Mund voll Blut und Tinte, zu Boden." Doch was man nicht hindern konnte, mußte man zu nutzen versuchen. Rasch zogen die Ereignisse Ken Ling in ihren Bann, die Woge trug ihn hoch, an die Macht. Was als ein – von oben entfesselter – "Klassenkampf auf Leben und Tod" freigesetzter, aufgehetzter Schüler gegen ihre Lehrer begonnen hatte, die plötzlich im Wortsinne "Klassenfeinde" geworden waren, wuchs sich zu einer Massenmobilisierung aus, die das Land jahrelang der Anarchie auslieferte, an den Rand des Bürgerkrieges brachte: jugendliche Terrorbanden, Arbeiter, die die Fabriken verließen und sich mit Helmen und Knüppeln bewaffneten, das reguläre Militär, das am Ende die Ordnung wiederherstellte.

Doch zunächst einmal stieg Ken Ling in seiner Heimatstadt zum Volkshelden auf, wurde zu einem bewunderten Führer der Roten Garden, als regelrechter "Generaldirektor" zum Herrn über ganze Fabrikkombinate. Einfache Leute hefteten sich sein vergrößertes Photo wie das eines Schutzpatrons an die Wand. Märchenhaft.

Entsprechend hart war dann der Fall: die lange Agonie der Bewegung, das Erlahmen von Schwung und Initiative, die Ernüchterung; danach drohende Verhaftung, Verfolgung, Flucht. Als reaktionärer, verräterischer Feind steckbrieflich gesucht, wird er zum einsamen, mißtrauischen Wanderer auf dem Lande, dessen Elend er am eigenen Leibe spürt. Immer neue Enttäuschungen, bis zuletzt.

Diese Memoiren eines sehr jungen Mannes sind der, aufregendste, stärkste Text unserer Tage, den ich kenne. Wer diesen Bericht "zu lesen beginnt, hat eine lange Nacht vor sich. Denn er wird ihn nicht loslassen.