Cesare Pavese oder: Die Kunst des Tagebuchschreibens

Von Walter Jens

Am 6. Juni 1816 notierte Goethe in sein Tagebuch: "Gut geschlafen und viel besser. Nahes Ende meiner Frau... Sie verschied gegen Mittag. Leere und Totenstille in und außer mir. Ankunft und festlicher Einzug der Prinzessin Ida und Bernhards ... Abends brillante Illumination der Stadt. Meine Frau um 12 Uhr nachts ins Leichenhaus. Ich den ganzen Tag im Bett."

Hundert Jahre später, am 4. August 1914, vertraute Kafka seinem Journal an: "Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittags Schwimmschule."

Dreißig Jahre darauf, am 23. Juni 1943, formulierte Ernst Jünger im "Zweiten Pariser Tagebuch" die folgenden Sätze: "Ich kam an Gruppen von hoher Plastik vorüber wie etwa dieser: der Mann strich, auf dem Stuhle sitzend, langsam mit beiden Händen an den Schenkeln der Partnerin empor, die vor ihm stand, und raffte mit diesem Griffe, der zu den Hüften führte, zugleich ihr leichtes Frühlingskleid empor. So faßt der durstige Zecher nach der Tageshitze die schön sich bauchende Amphore, die er zum Munde führen will."

Am 28. April 1951 schließlich tat Johannes R. Becher in seinem Diarium "Auf andere Art so große Hoffnung" kund: "Nein, wir verbieten nicht Kafka. Er ist nur in unserer gesellschaftlichen Entwicklung nicht mehr drin, zu unserem eigenen Erstaunen einfach lautlos herausgefallen. Viele derartige Fälle, die sich im Zuge einer bestimmten geschichtlichen Entwicklung selbst erledigen ..."

In der Tat: Ein Tagebuch zu führen, das ist eine gefährliche Sache. Gefährlich selbst dann, wenn der Autor nur für sich und nicht für das Publikum schreibt. Weit gefährlicher aber wird es, wenn Schriftsteller, mit dem Blick auf den Leser, ein öffentliches Diarium führen, das literarischen Anspruch erhebt.