Von Heribert Heinrichs

Der Meister aller Klassen unterbrach bei der Vorbereitung zum entscheidenden Fight jäh eine seiner gefährlichen Geraden in Richtung Sandsack und wich wie elektrisiert zurück. Eine kleine graue Spitzmaus war am Ring vorbeigehuscht. – Und wer kennt nicht die Filmklamotte mit dem Hilfeschrei der sich zierenden Diva, die dem ausdauernd und ideenreich, aber bis zu diesem Augenblick erfolglos um sie werbenden jungen Mann schließlich doch noch schutzsuchend in die Arme fliegt, weil eine dicke Kreuzspinne hinter der Couch hervorkriecht. Der Boxer, die Diva – sie sind ängstlich.

Was ist das, was wir Angst und Furcht nennen? Kein menschliches Dasein ist ohne Angst, ohne Furcht, ohne Abwehr, ohne Ekel, ohne ständige Fluchtbereitschaft. Es gibt kein angstfreies Dasein, und dennoch, der Mensch muß mit seinen Ängsten leben, vor allem, wenn sie überhand nehmen, wenn sie neurotisch werden, wenn sie ihn beherrschen, wenn sie durch seine Straßen, Häuser, Gedanken, Stimmungen und Träume kriechen: Himmel- und Höllenangst, Furcht, Scheu, Lampenfieber, Bammel, Schiß, Schauder, Schüchternheit, Panik, Verfolgungswahn, Lebensangst, Todesangst.

Furcht und Angst sind nicht dasselbe, wenn auch nahe verwandt. Furcht bezieht sich immer auf etwas Konkretes: auf den Blitz, den bissigen Hund, die Zange des Zahnarztes, den Ball beim Elfmeter, das Risiko beim Überholmanöver, das Schulzeugnis, den Chef.

Angst aber ist anders. Sie kommt aus einer tiefliegenden Zone, aus einer Lebensschicht, die durchgehender und durchgreifender ist. Tiere haben Furcht, Angst hat nur der Mensch, weil er vom Tode weiß, von Krankheiten, Kriegen, Umweltkatastrophen und Verzweiflung, von Arbeitslosigkeit und Inflation, von Epidemien und Übervölkerung. Der Mensch kann die Folgen übersehen, er kann sich ausrechnen, wohin etwas führt. Er zieht seine Schlüsse aus Symptomen und weiß, daß nichts unzerstörbar und unsterblich ist: nicht der Friede, nicht die Gesundheit, nicht die Schönheit, nicht die Ehe, nicht die Jugend, nicht der Glaube, nicht das Glück. Angst nagt an unseren Hoffnungen.

Jeder Mensch besitzt eine Grundangst, eine Binnenangst, wie der Münchener Psychologe Philipp Lersch zu entdecken glaubte. Fragt man herum, erhält man bejahende Antwort: "Ich habe Angst. Aber ich Weiß nicht genau wovor. Es ist ein unheimliches Gefühl, beengt mich, sitzt hohl in der Magengrube oder liegt wie ein Stein auf meiner Brust."

Das Nachdenken des Menschen über die Angst hat eigenartige Theorien hervorgebracht: Angst soll vom Geburtstrauma herrühren, von dem schockartigen Durchbruch des schwerelos im warmen Fruchtwasser der Mutter schwimmenden Kindes in die anspringende Kälte des Kreißsaales und die zupackenden Hände von Geburtshelfer und Hebamme. Oder: Angst soll im Grunde immer die Angst vor dem Tode sein, hat Sören Kierkegaard beschrieben, entfaltet in unserem Innern, drängend nach Erlösung und ewiger Freiheit. Die Existentialisten entdeckten sie als Angst vor dem Nichts. Dieses Nichts, sagen sie, spüren viele: "Plötzlich vor dem Nichts stehen."