Warum Zucker innerhalb eines Jahres um 500 Prozent teurer wurde

Von Felix Spies

Die Hausse ist scharf wie Saccharin. Am Allerheiligentag notierte Zucker an der Londoner Börse zum neuen Rekordpreis von 480 Pfund je britischer Longton. Am Buß- und Bettag stand die Notierung bereits bei 630. Anfang März kostete an der New Yorker Warenbörse das amerikanische Pfund Zucker rund 15 Cent. Inzwischen wird es dort – bei Lieferung im Januar – mit mehr als 61 Cent gehandelt. Auf deutsch: Der Weltmarktpreis für 100 Kilogramm Rohzucker stieg binnen Jahresfrist von knapp 60 auf fast 360 Mark. Die Teuerungsrate wuchs damit auf knapp 500 Prozent.

Die Hausse ist ohne Beispiel. In keiner der drei Hochphasen der Nachkriegszeit, weder im Korea-Boom von 1950/51, noch in der Suez-Krise von 1956/57, noch in der Hausse von 1963/64 fieberte der Zuckerpreis an den internationalen Börsen so hektisch und so kräftig nach oben wie in den vergangenen Sommer- und Herbstmonaten.

Das süße Kohlehydrat ist am Weltmarkt ausgesprochen knapp. Mäßige Ernten und mangelnde Investitionslust der Produzenten drückten vom Zuckerwirtschaftsjahr 1970/71 an drei Jahre lang die Welterzeugung an Rohr- und Rübenzucker (1973/74: 81,1 Millionen Tonnen) unter den weltweiten Verbrauch (1973/74: 81,6 Millionen Tonnen) Die praktisch unbegrenzt lagerfähig gen Zuckervorräte schrumpften. Ein zu trockenes Frühjahr und ein zu regenreicher Herbst schmälerten dann in diesem Jahr die europäische Rübenernte so kräftig wie schon lange nicht mehr: Wichtige Zucker-Exportländer wie etwa Polen stoppten die Ausfuhr.

Zu keiner Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg waren aber auch die Zuckererzeuger und -händler weltweit so verunsichert wie in diesem Herbst. Abgelaufene Marktordnungsverträge wie das Internationale Zuckerabkommen oder bald auslaufende wie das Commonwealth-Zuckerabkommen, die Zuckermarktordnungen der USA und der EG haben den zuvor wohlreglementierten Weltmarkt aufs erste derangiert. Weil noch kaum abzusehen ist, wie es weitergeht, drängeln die Käufer mit ihrer Nachfrage, zögern die Anbieter mit dem Verkauf. Und wie immer sind auch die Spekulanten mit von der Partie: Wie an allen anderen Warenmärkten rechnen sie auch bei Zucker angesichts weltweiter Inflation und offensichtlicher Knappheit mit weiterhin beträchtlichen Gewinnchancen.

"Alle sind jetzt furchtbar unsicher, weil plötzlich die Korsettstangen einer dirigistischen Marktordnung zu fehlen beginnen", analysiert Helmut Bujard, Zuckermarktexperte am Essener Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, die Lage. Und Konrad Dankowski von der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, einer der Bonner Chef-Lobbyisten der heimischen Zuckerwirtschaft, klagt: "Die EG und die Welt stehen vor dem Problem, den Zuckermarkt neu ordnen zu müssen."