Von Dieter Buhl

Düsseldorf, im November

Dem Essener Kranführer Keitel hat der Verlust des Arbeitsplatzes den Spaß an seiner Stammpartei genommen. Bei der Landtagswahl im nächsten Jahr will er einmal ausprobieren, "ob es die anderen nicht besser machen können". Keitel ist einer von über 200 000 Arbeitslosen in Nordrhein-Westfalen. Viele von ihnen werden ähnliche Überlegungen über die Wählbarkeit der "anderen" anstellen. Die "anderen" aber – das waren für die meisten Arbeiter an Rhein und Ruhr bisher die Christlichen Demokraten.

Wird die Arbeitslosigkeit der sozial-liberalen Koalition am 4. Mai 1975 in Nordrhein-Westfalen zum Verhängnis? Wird dort, wo vor acht Jahren, durch ein Überraschungsbündnis zwischen Kühn und Weyer der Weg für die Regierung Brandt/Scheel geebnet wurde, der CDU ein Sieg und damit womöglich der Durchbruch nach Bonn – gelingen? Noch ist fast ein halbes Jahr Zeit bis zum Wahltag, aber die Entscheidung scheint bereits vorprogrammiert.

Schwachbrüstig ist das Kabinett Kühn – mit nur vier Stimmen Mehrheit im Landtag – schon in den Parteien, und mangelnde Fortune bei der Regierungsarbeit hat für ein Dauertief in Düsseldorf gesorgt. Doch die schwerste Belastung droht von dem wachsenden Heer der Arbeitslosen. Zumal aus dem Ruhrgebiet kommen trotz des Stahl- und Kohlebooms alarmierende Zahlen: In Gelsenkirchen betrug die Arbeitslosenquote im Oktober 5,2 Prozent, in Recklinghausen und Bochum 4,3 Prozent, in Dortmund 3,7 Prozent.

Die Hiobsbotschaften aus dem Revier verbreiten. Unsicherheit und Angst. Anders als die Zechenstillegungen des Jahres 1967, die die Betroffenen zornig und entschlossen auf die Straßen trieben, fördert die schleichende Krise jetzt Resignation und Hilflosigkeit. "Unsere Leute bangen um den Arbeitsplatz", meint ein führender Funktionär der Industriegewerkschaft Metall, "deshalb stellen sie ihre Lohnforderungen, hinter denen sonst ihre ganze Kraft lag, jetzt nur mit halbem Herzen."

Eine Delegiertenversammlung der IG Metall im Essener Saalbau, auf der die Höhe der Tarifforderungen beschlossen werden soll, bestätigt den Eindruck. Nur wenige der über hundert Betriebsvertreter schlagen harte Töne an, fordern 15 und mehr Prozent. Die überwiegende Mehrheit läßt sich von den gemäßigten Funktionären leicht überzeugen: "Es ist nicht mehr drin als elf Prozent."